Oelinghausen

Kath. Klosterkirche St. Petri

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D-59757 Arnsberg | Franz-Steffensmeier-Straße | Karte

Kirche

Am 29. Mai 1174 wurde das Praemontratenser-Kloster Oelinghausen bei Arnsberg im Sauerland durch Stiftung des Sigenand von Batthausen gegründet. Beim truchsessschen Überfall 1586 wurde die Kirche erheblich zerstört und Ende des Jahrhunderts wieder hergerichtet. Unter Propst Sauter bekam die Kirche 1712-1717 ein völlig neues, barockes Gesicht.
Trotz der Aufhebung des Klosters 1804 blieb die Klosterkirche erhalten und die Seelsorge wurde wie zuvor weiter betrieben. Vier Jahre später wurde in den ehemaligen Klostergebäuden eine Schule eingerichtet. Die Gründung der Pfarrgemeinde St. Petri Oelinghausen geht auf das Jahr 1904 zurück. 1956 übernahmen die Mariannhiller Missionare das Kloster und die Pfarrseelsorge; sie wurden 1991 durch die Schwestern der hl. Maria Magdalena Postel abgelöst.

 

Vorgängerinstrumente

Im Jahr 1390 wird erstmals eine Orgel im Kloster Oelinghausen erwähnt, die jährlich beim Fest der hl. Lucia spielen soll. Diese Schwalbennestorgel mit Blockwerk befand sich oberhalb der Kreuzkapelle. 1492 müssen bereits zwei Orgeln vorhanden gewesen sein, vermutlich ein kleines Positiv für den Konvent und die große Orgel für den Gemeindegesang. Wohl im Jahr 1499 wurde die Orgel verändert oder erneuert, jetzt gab es bereits Register, die einzeln (vom Blockwerk abgetrennt) gezogen werden konnten. Sicherlich hat der Propst von Oelinghausen und Orgelbauer Johannes Sundag von 1552 bis 1561 das Instrument betreut. Das Register Oktava 4’, welches aus dem Jahr 1555 stammt und bis heute komplett erhalten ist, ist vermutlich auf Sunndag zurückzuführen. Er gab der Orgel auch eine neue Gestalt, wie die Spuren im Mauerwerk zeigen. Durch die Truppen des Gebhard Truchseß von Waldburg unter ihrem Anführer Martin Schenk, die 1586 Kloster und Kirche überfielen, wurden die beiden vorhandenen Orgeln stark zerstört. Neben der erwähnten Oktava 4’ überstanden auch die noch heute erhaltenen Register Spitzflaute 2’, Oktava 2’ und Prinzipal 4’, die vor 1586 von einem unbekannten Orgelmeister gefertigt worden waren, den Übergriff. Viele weitere Bestandteile der alten Schwalbennestorgel wurden bei archäologischen Untersuchungen auf dem Kirchenboden gefunden. Die Orgel besaß in ihrer letzten Gestalt vor der Zerstörung, wie die Fundstücke belegen, Springladen, zwei Manuale mit Schiebekoppel und einen Praestanten 8’ im Prospekt.

 

Orgel

Der Paderborner Bischof Theodor von Fürstenberg, der verwandtschaftlich enge Beziehungen zum Oelinghausener Kloster hatte, stiftete 1599 zwei neue Orgeln. Die große Orgel, die an der Brüstung der Nonnenempore aufgestellt wurde, stammt von Martin de Mare, einem Bremer Orgelbauer, der um die Wende zum 17. Jahrhundert im Paderborner Raum verweilte. Neben den erhaltenen Registern fügte er als neue Stimmen u. a. Praestant 8’, die Mixtur (4f.), Bardun 16’ und Duesflöt 4’ auf Schleifladen hinzu. Die kunstvoll bemalten Flügeltüren, die 1599 vermutlich der Paderborner Maler Augustinus Jodefeld schuf, wurden um 1660 abgenommen und durch seitliche, geschnitzte Ohren ersetzt. Acht der zwölf Gemälde auf Leinen der ehemaligen Orgelflügel sind heute hinter dem Altar auf der Rückseite der Orgel vorhanden.

Zwischen 1599 und 1713 wurden mehrere Arbeiten an der Orgel durchgeführt, die allerdings nicht schriftlich belegt sind. Als Johann Berenhard Klausing aus Herford 1713 mit den Erneuerungs- und Erweiterungsarbeiten an der Orgel begann, wies die Disposition 15 Register auf. Die ursprüngliche Disposition von Martin de Mare lässt sich daraus rekonstruieren: MAN1 Praestant 8’, Bardun 16’, Oktava 4’, Rohrflaute 8’, Flaute Duse 4’, Spitzflaute 2’, Sexquialtera 3f., Mixtur 4f., Cimbal 3f., Trompétt B/D; MAN2 Gedact 8’, Duesflöt 4’, Oktava 2’, Mixtur 3f., Oktava 4’; PED angehängt.

Im Zuge der Barockisierung der Klosterkirche unter Propst Sauter in den Jahren 1712-1717 erhielt auch die Orgel neue Gestalt. Der Herforder Orgelbauer Johann Berenhard Klausing wurde mit dem Umbau des Instrumentes beauftragt. Er ersetzte die Schleiflade des Hauptwerkes durch eine Springlade und baute einige neue Register (Cimbal 3f., Flaute Duse 4’, Rohrflöte 8’ und Gedact 8’ sowie zwei Pfeifenreihen von Sexquialter 3f.). Das Obergehäuse wurde barockisiert und um jeweils zwei Felder seitlich erweitert, da der ursprüngliche Tonumfang von 41 Tönen (CDEFGA-g²a²) nun bis c³ ausgedehnt und um die Töne Dis, Fis und Gis ergänzt wurde. Außerdem erhielt die Orgel drei neue Keilbälge. Der Unterbau der Orgel war von dem Umbau nicht betroffen. 1717 konnten die Arbeiten Klausings abgeschlossen werden. In den folgenden ca. 120 Jahren bis 1835 sind keine weiteren Arbeiten an der Orgel bekannt. Das Holzregal 8’ im Positiv wurde vermutlich bald von Klausing selbst gegen die Oktave 4’ ausgetauscht, die Klausings bereits von Martin de Mare übernommen hatte und die heute im Pedal steht.

Der katastrophale Zustand des Werkes im 19. Jahrhundert brachte es mit sich, dass sich zahlreiche Orgelbauer mit Umbau- oder Neubauplänen bewarben, die aus fehlenden finanziellen Mitteln nicht zur Ausführung kamen. Hugo Gerstgarbe aus Fredeburg pflegte die Orgel ab 1835 und der Orgelbauer Ahmer aus Soest baute 1844 einen Magazinbalg, den er auf dem Dachboden plazierte. Die alten Keilbälge von Klausing wurden stillgelegt, einer entfernt. Eine Balgreparatur von Bott (Warendorf) ist für 1866 belegt.

Durch eine größere Arbeit von Adam Fischer (Hirschberg) wurde der Spielschrank an die linke Seite versetzt. Fischer baute die Klausingsche Springlade zu einer Schleiflade um und transmittierte Bardun 16’ und Prinzipal 8’ ins Pedal. Als weiteres Pedalregister baute er eine Posaune 16’ aus einer unbekannten fremden Orgel ein. Die Hauptwerksmixtur wurde durch eine Gambe ersetzt. In den weiteren Jahren verfiel die Orgel dennoch weiter und etliche kleinere Eingriffe verhalfen der Orgel kaum zu besserer Funktionalität. Anfang des 19. Jahrhunderts war die Gebläseanlage bereits elektrifiziert.

Die Renovierungsarbeiten der Firma Franz Breil aus Dorsten im Jahre 1963 bedeuteten den schwerwiegendsten Eingriff in den historischen Bestand der Orgel. Mit der Absicht, die Orgel auf den Zustand von 1717 zurückzuversetzen, wurden u. a. die Trompétt von 1599, die Keilbälge von 1717 sowie die umgebaute Springlade entfernt. Die Oktave 4’ von 1586 wurde verstümmelt ins Pedal gestellt, dessen sechs eigene Register nun im alten Balghaus aufgestellt wurden.

Eine Reinigung der Pfeifen, die 1987 durch den Orgelbauer Hans Peter Mebold aus Siegen durchgeführt wurde, ermöglichte erstmals die genaue Dokumentation der historischen Bauschichte des Pfeifenbestandes. Dabei wurden über 3000 Tonsignaturen erfasst. Ende der 1980er Jahre wurden einige Register von Willfried Michel (Oelinghausen) und Hans Peter Mebold rekonstruiert und neu eingebaut: Vox humana 8’ (1985), Posaune 16’ (1986, nach den Mensuren von Stade, St. Cosmae), Regal 8’ (1987, Ergänzung zu den Pfeifen von Breil), Trompete 8’ (1989, nach den Mensuren von Ochtersum). Als zusätzliche Register fertigte Michel 1989 „Cuculus“ und „Vogelgeschrey“.

Nach langer Planung und Vorarbeit konnte die Oelinghausener Orgel 2000 endlich umfassend und sorgfältig restauriert werden. Die Arbeiten übernahm die Schweizer Orgelbauwerkstatt Kuhn (Männedorf). Ziel war die Rückführung auf den Zustand von 1717. Im Einverständnis mit der Denkmalbehörde blieben bestimmte spätere Eingriffe wie das selbständige Pedal, das die Orgel bei Klausing nicht besessen hat, Ausführungen am Pfeifenwerk oder die äußere Gehäusesituation und die Registerknöpfe von 1963 bestehen: die Akzeptanz der Individualität dieser prachtvollen Orgel und ihrer Baugeschichte stand hier klar über dem Wunsch nach der Rückführung einer vermeintlichen Originalsituation.

Viele Bestandteile mussten aufwendig rekonstruiert werden, beispielsweise die verlorene Springlade des Hauptwerkes. Die drei Bälge der neuen Balganlage wurden nach dem Vorbild der Heinrich-Klausing-Orgel in Freren ausgeführt. Die Spiel- und Registertraktur und die Schleiflade des Pedals mussten ebenfalls neu gefertigt werden; die Lade des Brustwerks konnten restauriert werden. Die Manualumfänge wurden vereinheitlicht (das Oberwerk war vorher von C bis f³ vollständig ausgebaut, das Brustpositiv hatte hingegen den Umfang CD-c³ und das Pedal reichte von C bis f¹). 2002 konnten die Arbeiten abgeschlossen werden, so dass die Einweihung am 15. Dezember 2002 stattfand. Regionalkantor Jörg Krämer (Borgentreich) spielte zu diesem Anlass die Orgel.

Zur Position der Orgel: Die Kirche ist so aufgeteilt, dass über der Krypta die große Nonnenempore mit der Orgel steht. Die Prospektpfeifen sowie die die Nonnenemporenbrüstung schmückende, allerdings stumme Pfeifengalerie zeigen in das Hauptschiff, den großen Kirchenraum für die Gemeinde. Vom Hauptschiff zur Empore führen an beiden Seiten Treppen. Die Orgel selber ist so aufgebaut, dass über dem Spieltisch das Brustwerk liegt, und zuoberst befindet sich das Ober- oder Hauptwerk, das auf dem Brustwerk und den seitlichen Säulen ruht. An der Rückseite der mit der Figur des königlichen Psalmensängers David gekrönten Orgel steht der reich ausgeschmückte, dem hl. Johannes dem Täufer geweihte Altar der Nonnenempore.

Die zweimanualige Orgel besitzt 19 Register, die links und rechts von Notenpult und Manualen in jeweils zwei senkrechten Reihen und (die Pedalregister) darunter in einer waagerechten Reihe an beiden Seiten ihre Züge haben. Die Züge fürs zweite Manual liegen links innen (die unteren beiden) und rechts innen. Die Fußtritte für die drei Koppeln waren bis 2000 an der rechten Seite über dem Pedal angebracht, die entsprechenden Züge liegen links über dem Notenpult. Heute werden die Manuale über eine Schiebekoppel miteinander verbunden. Die Pedalkoppel wird über einen Zug eingeschaltet. Die Pedalregisterzüge, die bis 2000 nicht beschriftet waren, wurden von Kuhn mit Pergamentzetteln versehen, die den historischen Beschriftungen von 1599 nachempfunden sind.

Die Trakturen sind vollmechanisch. Die Springlade des Hauptwerkes ist eine Rekonstruktion, die übrigen Werke haben Schleifladen.

Disposition

I. OBERWERK | CD–f³

Bardun 16 fuss

Praestant [8']

Rohrflaute 8 fuss

Octava 4 fuß

FlauteDuse 4 fuss

SpitzFlaute 2 fuss

SexquiAltera 3Chör [3']

Mixtur 4.Chor [2']

Cimbal 3Chor [1 1/3']

TrompéttB. 8 fuß

TrompéttDiscant 8 fuß

[Manualschiebelkoppel]

II. BRUSTPOSITIV | CD–f³

Gedact [8']

Octav [4']

Duesflöt [4']

Octav 2 fuss

Mixtur [3f. 1']

PEDAL | CD–d¹

Subbas 16 Fuß

Octava 8 fuß

Octav 4 Fuß

Posaun 16 Fuß

Pedal Coppel


NEBENREGISTER | Stern, Tremulant

SYSTEM | Schleiflade, im Hauptwerk rekonstruierte Springlade, mechanische Spiel- und Registertraktur

Bildergalerie

© Gabriel Isenberg | 1996, 2004

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