Weingarten

Kath. Basilika St. Martin und Oswald

<<<  032  >>>


Kirchplatz • D-88250 Weingarten

Kirche

Auf dem Martinsberg über der Stadt Weingarten liegt „Schwäbisch St. Peter“, Deutschlands größte Barockbasilika. Der Beiname kommt nicht von ungefähr, besitzt das barocke Meisterwerk doch nahezu exakt die Hälfte der Ausmaße des Peterdoms in Rom. Die 1124 begonnene Abteikirche Weingarten, eine dreischiffige Säulenbasilika, war schon ein für die damalige Zeit monumentaler Bau von über 80 Metern Länge, die einen kleineren Vorgängerbau ablöste. Vom 1182 geweihten romanischen Münster hat sich allein die Wand des südlichen Seitenschiffes mitsamt den anschließenden Resten des Querhauses und des südlichen Turmes erhalten, der noch seitlich seines barocken Nachfolgers zu sehen ist. Bauliche Veränderungen folgten nach Bränden 1215 und 1477. Ab 1712 begannen die Planungen für den Neubau der heutigen großen barocken Basilika. Am 10. September 1724 wurde die Basilika eingeweiht. Die Kirche wurde unter Abt Sebastian Hyller zur Verehrung und Anbetung der Heilig-Blut-Reliquie, die im Altar unter der Kuppel zu sehen ist, erbaut. Der Hochaltar und das Chorgestühl sind von Josef Anton Feuchtmayer gefertigt. Nach der Säkularisation 1803 wurde 1922 die neue Benediktinerabtei gegründet.

Chororgel

Weltruhm erlangt hat die große Gabler-Orgel auf der Westempore der Weingartener Basilika. Sie wurde innerhalb von 13 Jahren von 1737 bis 1750 von dem damals noch jungen Orgelbauer Joseph Gabler, in Ochsenhausen geboren, errichtet. Viele Sagen ranken sich um den Bau der Orgel. Die Orgel erfuhr in den folgenden Jahrhunderten nur wenig Veränderungen, ist bis heute, vorbildlich restauriert, vorhanden und zählt zu den bedeutendsten historischen Orgeln Europas.

Weniger bekannt ist die Chororgel, die Joseph Gabler in das Chorgestühl von Feuchtmayer integrierte. Als die Basilika nach neunjähriger Bauzeit errichtet war und am 10. September 1724 eingeweiht wurde, stand im Chorraum bereits eine kleine Orgel, die Abt Sebastian Hyller von den aus Baar im Kanton Chur stammenden Orgelbauern Joseph Bossart und Viktor Ferdinand Bossart hatte bauen lassen. Das Instrument war einmanualig und hatte laut Vertrag von 1722 14 klingende Register, 12 im Manualwerk und 2 im Pedal, mit insgesamt 990 Pfeifen. In der Mitte des Chores plaziert, mussten die größten Pfeifen liegend angeordnet werden, um die Sicht auf den Choraltar nicht zu behindern.

Bereits 1730 war die Chororgel reparaturbedürftig geworden, sie galt als „verfault“ und „verderbt“. Daraufhin berief der frisch gewählte Abt Alphons Jobst (1684-1738) den jungen Orgelmacher Joseph Gabler, der gerade an der großen Orgel in Ochsenhausen arbeitete, zu einer Begutachtung der Chororgel. Joseph Gabler erhielt den Auftrag zur Reparatur der Chororgel. Er konnte den Weingartener Konvent dermaßen von seinen fachlichen Qualitäten als Orgelbauer überzeugen, dass er 1737 den Auftrag zum Bau der Hauptorgel und den des Neubaus der Chororgel erhielt. 1743 war Gabler mit der Chororgel fertig, sie hatte 22 Stimmen mit 2222 Pfeifen. Er erhielt dafür 666 Gulden.

Das Gehäuse, über dem Chorgestühl aufgestellt, wurde unter Leitung von Simon Feuchtmayer aus Salem vom Klostertischler Joseph Koch angefertigt.

Kleinere Reparaturen in den folgenden 150 Jahren beließen die Orgel weitgehend in ihrer Originalgestalt (1867 durch Wilhelm Blessing, 1881 durch Johann Baptist Schefold, 1885-90 regelmäßige Wartung durch Gebr. Link). Doch nach der Wende zum 20. Jahrhundert wurde die Orgel innerhalb weniger Jahrzehnte so tiefgreifend umgebaut, dass heute nur noch ein verschwindend geringer Teil der Register original erhalten ist:

Der Orgelbauer Julis Schwarzbauer (Mindelheim) baute 1900 eine neue Chorogel unter Verwendung des alten Pfeifenwerks sowie des Gehäuses, das bis heute erhalten ist. Die Orgel hatte 24 oder 25 Register. Kurz nach der Wiedererrichtung des Benediktinerklosters erstellte die Firma Gebr. Späth (Ennetach) 1923/24 eine quasi neue Chororgel mit zwei Manualen und 36 Registern unter Verwendung alter Teile. Auf Betreiben von Pater Winfred Ellerhorst entfernte Albert Reiser (Biberach) 1932 etliche Register und baute dafür sieben neue ein. Nur wenige Jahre später – 1934-37 – baute Reiser nach den Plänen Ellerhorsts eine fast komplett neue Chororgel mit 46 Registern auf drei Manualen und Pedal. Von der bisherigen Orgel wurden außer dem Hauptbalg, den Windladen und dem Gehäuse nur wenige Register übernommen.

Auf Veranlassung von Pater Gregor Klaus wurde vor 1966 eine neue Großmixtur als weiteres Register eingebaut. 1968 und 1980 reparierte die Erbauerfirma Reiser die Orgel. Der Zustand der Chororgel ist rund 70 Jahre nach ihrer Erbauung sehr schlecht. Überlegungen zu einer Änderung der Situation werden angestellt, werden aber – wie so oft – von der finanziellen Lage bestimmt. Außer dem Gehäuse existieren von der Gabler-Orgel heute nur noch wenige Pfeifen, darunter die Prospektpfeifen der Pedalmixtur auf beiden Gehäuseseiten.

Der Spieltisch ist an der rechten Seite in das Chorgestühl integriert. Die Registerschalter sind in einer waagerechten Reihe im Halbkreis über dem oberen Manual angeordnet. Dazu die je zwei Hebel der freien Kombinationen. Unter dem 1. Manual liegen die Druckknöpfe für die Spielhilfen. Über den Pedalen finden sich neben Walze und Schwellern die Pistons für die Kombinationen und Koppeln. Die Kegelladen werden mit elektrischen Trakturen angesteuert.

Disposition

I. Hauptwerk                     C – a³

II. Schwellwerk               C – a³

III. Schwellwerk              C – a³

Großprinzipal                          16’

Prinzipal                                        8’

Hohlflöte [C-c³ Gabler]       8’

Weidenflöte                               8’

Prästant                                         4’

Kleinflöte                                     4’

Oberoktav                                    2’

Kornett 3-5fach                        8’

Mixtur 4fach                               2’

Bärpfeife                                       8’

II/I

III/I

Geigenprinzipal                       8’

Nachthorngedackt                 8’

Fernflöte                                      8’

Schweizerflöte                         8’

Viola di Gamba [~1900]     8’

Oktav                                              4’

Blockflöte                                    4’

Nasat [ab c0]                         22/3

Rohrflöte                                     2’

Kleinmixtur 3fach [t. alt]                                                     11/3

+ Großmixtur 8fach

Dulcian                                       16’

Trompete                                    8’

Klarine                                           4’

Tremulant

III/II

Hornprinzipal                             8’

Lieblich Gedackt                     8’

Gemshorn                                    8’

Nachthorn                                    4’

Musikgedackt                             4’

Waldflöte                                     2’

Terz                                             13/5

Oberquinte                           11/3

Nachthörnlein                           1’

Kalomela 3fach                      2/5

Rankett                                       16’

Krummhorn                                8’

Harfenregal                                 8’

Tremulant [für III und I]

 

Pedal                                                   

                                                    C – f¹

Spielhilfen

Prinzipalbaß [C-g0 Gab.]    16’

Subbaß                                         16’

Octavbaß                                       8’

Gemshornbaß                            8’

Quintadenbaß [Gabler?]     4’

Flötbaß [alt]                                 2’

Choralbaß 10-15fach[1]          4’

Posaunenbaß                           16’

Trompetenbaß                          8’

Regalbaß                                        2’

III 4’ / P

P 4’

I/P

II/P

III/P

2 freie Kombinationen

2 freie Pedalkombinationen

Registercrescendo

Absteller für Mixturen und Rohrwerke

Organo pleno

Tutti

Pedaltutti

Generalkoppel



[1]       C bis g0 von Gabler auf historischer Prospektlade.

© Gabriel Isenberg, 1997 / 2007

A

B

C

D

E

F

G

H

I

J

K

L

M

N

O

P

Q

R

S

T

U

V

W

X

Y

Z

++