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Leipzig

Evangelische Thomaskirche

Thomaskirchhof • D-04109 Leipzig

Kirche

Die Grundmauern der Vorgängerkirche dürften etwa um das Jahr 1160 errichtet worden sein. Dieser erste, sonst nicht näher bekannte Bau wurde Ausgangspunkt des von Markgraf Dietrich 1212 gestifteten Augustiner-Chorherrenstifts. Bereits 1355 gestaltete man den romanischen Chorraum gotisch um. 1482 brach man das romanische Schiff der Thomaskirche ab und errichtete den bis heute erhaltenen Neubau einer spätgotischen Hallenkirche. Sie wurde 1496 geweiht. Bis auf den Turm, der seine endgültige Gestalt 1702 erhielt, hat sich an der Architektur der Thomaskirche nichts geändert. Die im 17. Jahrhundert errichteten Kapellenanbauten und ein die ganze Nordfront des Langhauses bestimmender Vorbau mit zwei Treppenhäusern wurden Ende des 19. Jahrhunderts wieder entfernt.

Den schwersten Eingriff brachte die Renovation der Jahre 1884-89. Die gesamte Ausstattung der Barockzeit, besonders aus der Zeit, in der Johann Sebastian Bach an der Thomaskirche (1723-1750) wirkte, wurde entfernt. Seither zeigt sich das Innere der Kirche im neugotischen Stil. Aus dieser Zeit stammt auch das an die Westfront aufgesetzte Hauptportal. Der Bombenangriff vom 4. Dezember 1943 verursachte Schäden am Turm der Thomaskirche. Die Renovation von 1961-64 war bemüht, die Wirkung der Kirche als spätgotische Hallenkirche wieder stärker zu betonen. Nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 eröffnete sich die Möglichkeit, nach über 100 Jahren die Thomaskirche einer umfassenden Restaurierung und Instandsetzung zu unterziehen. Diese konnte zum 250. Todestag von Johann Sebastian Bach am 28. Juli 2000 weitgehend abgeschlossen werden und war mit dem Bau der neuen Bach-Orgel verbunden.

„Bach-Orgel“

Die erste Orgel der Leipziger Thomaskirche dürfte aus dem Jahr 1384 stammen. Über ihre Beschaffenheit und den Erbauer sind keine Einzelheiten bekannt. Die zweite Orgel von 1489, deren Erbauer ebenfalls unbekannt ist, war von 1639 bis zu ihrer Entfernung 1741 als Schwalbennest-Orgel aufgehängt. Auf der Westempore wurde 1515 ein neues Instrument errichtet, in dem Bestandteile der früheren Orgel aus Eicha wiederverwendet wurden. Der Orgelbauer Johann Lange baute diese Orgel 1598/99 komplett um; sie existierte nach zahlreichen Veränderungen bis 1885.

In den Jahren 1886-1889 errichtete der Frankfurter Orgelbauer Wilhelm Sauer die neue große Orgel auf der Westempore. 1902 versah Sauer die Orgel mit einer kräftigeren Intonation und baute die Windladen auf pneumatische Steuerung um, so dass nun auch zahlreiche Spielhilfen (u. a. drei freie Kombinationen) eingerichtet werden konnten. Auf dem neuen Instrument mit seinen 65 klingenden Stimmen war der bekannte Karl Straube lange Jahre Organist. Auf sein Betreiben hin wurde die Orgel 1907/08 durch Wilhelm Sauer um 23 Register erweitert, der Klaviatur-Umfang wurde erweitert, dadurch mussten auch neue Windladen und ein neuer Spieltisch gefertigt werden. Zwischen 1930 und 1960 wurde die Disposition mehrfach neobarock aufgehellt. In den Jahren 1988 bis 1993 konnte die Sauer-Orgel durch Christian Scheffler und Matthias Ulmann sorgfältig restauriert und auf den Zustand von 1908 zurückversetzt werden.

1966 sollte eine zweite kleinere, neobarocke Orgel auf der nördlichen Seitenempore errichtet werden. Diese sogenannte alte „Bach-Orgel“ wurde 1967 von der Potsdamer Orgelbaufirma Alexander Schuke mit 47 Registern auf drei Manualen und Pedal erbaut und am 21. Mai 1967 eingeweiht. 32 Jahre später – im Jahr 1999 – wurde diese Orgel wieder abgebaut und in den Mariendom zu Fürstenwalde versetzt. Es sollte zum Bach-Jubiläumsjahr 2000 (der 250. Todestag des großen Komponisten und Thomaskantors) Platz geschaffen werden für eine neue „Bach-Orgel“, die ganz nach den technischen Prinzipien und Klangvorstellungen des 18. Jahrhunderts und speziell Johann Sebastian Bachs gefertigt sein sollte.

Als Kind begutachtete der junge Johann Sebastian die neue große Orgel der Eisenacher Georgenkirche, die von Georg Christoph Stertzing (Ohrdruf) errichtet worden war. Die Disposition stammte aus der Feder von Johann Sebastians Onkel Johann Christoph Bach. Die Eisenacher Orgel scheint nachhaltigen Eindruck auf Johann Sebastian gemacht haben, bezieht er sich doch in späteren Orgelbegutachtungen immer wieder auf dieses Instrument.

Die Eisenacher Stertzing-Orgel, einst eine der berühmtesten thüringischen Orgeln, existiert nicht mehr. Aber ihre Disposition mit 60 Registern auf vier Manualen und Pedal bildet die Basis der neuen Bach-Orgel der Leipziger Thomas-Kirche. Die Leipziger Orgel ist im Chorton der Bach-Zeit a¹=466 Hz gestimmt, kann aber für das Zusammenspiel mit barocken Instrumenten auf 415 Hz umgestellt werden. Die Temperatur ist nach Johann Georg Neithardt (1732) angelegt.

Die äußere Gestalt der Orgel ist inspiriert durch das Gehäuse der alten Scheibe-Orgel in der zerstörten Leipziger Universitäts-Kirche (Pauliner-Kirche). Bach begutachtete dieses Instrument 1717. Das Aussehen der Orgel ist nur durch Archivalien überliefert. Die neue Bach-Orgel zeigt zwar deutliche Anknüpfungspunkte an ihr Vorbild, verleugnet aber in keinster Weise ihre Entstehung auf der Schwelle vom 20. zum 21. Jahrhundert. Prägend ist das Bach-Wappen, das im Mittelpunkt des Orgelprospektes angebracht ist. Die Weihe des neuen Instruments fand am Pfingstsonntag, dem 11. Juni 2000 statt, wobei zu diesem Zeitpunkt erst die Hälfte der Register eingebaut war.

Der Aufbau des Orgelprospektes spiegelt nicht die Aufteilung des dahinterliegenden Pfeifenwerkes wider. Die Spielanlage ist in das Untergehäuse eingebaut. Links und rechts neben dem Notenpult sind die Registerzüge angeordnet. Durch den Fußtritt „Plenumwind“ wird die Windversorgung umgestellt, so dass der Wind für das volle Werk ausreichend ist. Die Stimmtonhöhen-Umschaltung erfolgt über einen Hebel in der rechten Tür neben dem Spieltisch.

Die Orgel ist nach dem Schleifladen-System erbaut und wird mit vollmechanischen Trakturen bedient.

Disposition

I. Brustwerk                        C – f³

II. Hauptwerk                    C – f³

III. Oberwerk                      C – f³

64 Grob Gedackt                     8’

65 Klein Gedackt                    4’

66 Principal                                2’

37 Bordun                                16’

38 Principal                               8’

29 Violadagamba                    8’

46 Quintaden                         16’

47 Principal                                8’

48 Gedackt                                  8’

1 Super Gemshörnlein II       

2 Quint-Sexta II

3 Sieflit                                          1’

28 Rohrflöth                              8’

39 Quinta                                    6’

40 Octav                                       4’

30 Nassatquint                         3’

41 Superoctav                          2’

31 Queerflöth                          2’

32 Sesquialter III

42 Mixtur VI

43 Cimbel                                   III

33 Fagott                                  16’

34 Trombetta                           8’

44 Copul OW/HW

45 Copul ECHO/HW

19 Gemshorn                             8’

20 Flauta doux                          8’

49 Octav                                        4’

21 Hohlflöth                               4’

22 Hohlquint                             3’

50 Superoctav                           2’

23 Plockflöth                             2’

51 Sesquialtera III

52 Scharff IV

24 Vox humana                        8’

25 Hautbois                                8’

53 Glockenspiel

 

IV. Echo (UW)                     C – f³

Pedal                                       C – f¹

Spielhilfen/Nebenregister

55 Barem                                   16’

56 Still Gedackt                       8’

10 Quintaden                            8’

57 Principal                                4’

11 Nachthorn                            4’

12 Spitzflöth                               4’

13 Spitzquint                             3’

58 Octav                                        2’

14 Schweitzerflöth                2’

59 Rauschquint                  11/2

60 Superoctävlein                  1’

61 Cimbel III

15 Regal                                        8’

16 Vacat

67 Großer Untersatz         32’

68 Principal                            16’

4 Violon                                     16’

5 Sub Bass                                16’

69 Octav                                       8’

6 Gedackt                                    8’

7 Quintaden                              8’

70 Superoctav                          4’

71 Bauerflöth                           1’

72 Mixtur VI

8 Posaun Bass                        32’

9 Posaun Bass                        16’

17 Trombet                                8’

18 Cornet                                    2’

35 Copul HW/Pedal

36 Copul OW/Pedal

54 Vogel Geschrey

62 Zimbelstern

63 Zimbelstern

73 Plenumwind [Tritt]

Tremulant [ganzes Werk]

[Vacat]

Umstellung Chorton 466 / Kammerton 415

© Gabriel Isenberg, 2002 / 2004

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