Weener, St.-Georgs-Kirche

Kirchplatz • D-26826 Weener


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Kirche

Die Kirche wurde um 1230 als Apsissaal gebaut. Von der ursprünglichen romanischen Gestalt lassen sich nur noch Reste des Frieses, der rundbogigen Fenster und zugemauerten Portale ausmachen. Der polygonale Chor wurde 1462 erbaut. Der Münsteraner Bischof ließ 1492 Weener mitsamt der Kirche plündern und niederbrennen, wodurch die Inneneinrichtung zerstört wurde. Der Turm datiert von 1738 und wurde separat von der Kirche auf der anderen Straßenseite erbaut. Nachdem man 1765 erfolglos durch einen Strebepfeiler versucht hatte, das Chorgewölbe abzustützen, zog man im Kirchenschiff ein Holztonnengewölbe ein, das 1780 auch auf den Chor erweitert wurde. Die Konsolen im Chor zeugen noch vom ursprünglichen Gewölbe. In diesem Zug wurde der gotische Lettner abgebrochen. 1893 wurde die Kirche an der Nordseite durch ein Querschiff auf die heutige T-förmige Gestalt erweitert.

Orgel

Die Orgel der Georgskirche Weener ist ein Spätwerk des renommierten ostfriesischen Orgelbauers Arp Schnitger. Schnitger baute dieses Instrument 1709/10 mit Hauptwerk, Rückpositiv und angehängtem Pedal. Franz Caspar Schnitger fertigte das Gehäuse, worauf eine Kreide-Inschrift im Mittelturm verweist. Im Hauptgehäuse blieb Raum für ein später einzubauendes Brustwerk. Das Pfeifenwerk stammte wahrscheinlich aus der Hamburger Werkstatt Arp Schnitgers. Aufgestellt wurde die Orgel von Arp Schnitger d. J. und dem Gesellen Niclaes Stoever auf dem gotischen Lettner. 1779-1782 versetzte Johann Friedrich Wenthin die Orgel auf eine neue Empore vor dem Chorraum, reparierte sie und ergänzte freie Pedaltürme und ein Brustwerk, so dass die Orgel nun über 37 Register und drei Manuale verfügt.

Im 19. Jahrhundert erfolgten mehrere Umbauten: Herman Eberhard Freytag führte 1826/28 und 1838 kleinere Arbeiten aus, auch Johann Gottfried Rohlfs (Esens) repartierte die Orgel 1857. Ein Gutachten von 1864 fällt ein vernichtendes Urteil über die Orgel. Daraufhin führten die Gebr. Rohlfing aus Osnabrück 1872-77 einen einschneidenden Umbau durch, wobei das Pfeifenwerk des Rückpositivs hinten im Hauptwerksgehäuse als Hinterwerk platziert und das Brustwerk entfernt wurde. Außerdem ersetzte Rohlfing alle Windladen; die gebrauchte Pedallade kam wahrscheinlich aus der Osnabrücker Domorgel von Courtain. Durch diese Eingriffe schrumpfte die Diposition nun von 37 auf 23 Register. 1906/07 beseitigte Rohlfing weitere acht alte Register. Auch 146 originale Prospektpfeifen kamen der Orgel im Jahr 1917 zur Verwendung in der Rüstungsindustrie des Ersten Weltkrieges abhanden.

Die erste Instandsetzung nach den herben Verlusten der letzten Jahrzehnte erfolgte 1927/28 unter dem Einfluss der Orgelbewegung. 1952 machte Alfred Führer (Wilhelmshaven) im Rahmen einer umfassenden Restaurierung das Rückpositiv wieder klingend und stelle die Disposition des 18. Jahrhunderts unter Verwendung von Pfeifenmaterial aus dem 19. und 20. Jahrhundert wieder her.

1972-78 führte die Firma Hendrik Jan Vierdag (Enschede) verschiedene Restaurierungsarbeiten durch und erstellte neue Windladen und einen Magazinbalg sowie eine neue Spiel- und Registermechanik, ohne aber immer konsequent nach historischen Prinzipien vorzugehen. Die Pfeifenmacherei Steffani (Herten) rekonstruierte die Register des 18. Jahrhunderts, die im Laufe der letzten hundert Jahre entfernt wurden. Im Pedal wurden einige Register des Orgelbauers Carl Haupt (Ostercappeln) aus einer Orgel in Gildehaus (1864-1866) verwendet.

In den Jahren 1978-83 konnte schließlich durch Jürgen Ahrend (Leer-Loga) die umfassende und sorgfältige Restaurierung abgeschlossen werden. Ahrend rekonstruierte die Manualzungen, einige Labialregister und die Traktur, Windversorgung, Pedalklaviatur sowie zwei Tremulanten (1988).

Die Gehäuse aus dem 18. Jahrhundert sind noch original. 1972 wurde die prächtige rote Farbgebung von 1782 wiederhergestellt. Die Orgel in Weener scheint das letzte Beispiel für frei stehende Pedaltürme zu sein. Ungewöhnlich ist das äußere Erscheinungsbild durch die strenge schnitgersche Formgebung in den beiden Manualwerken einerseits und die geschwungenen Pedaltürme und die zeitgleich entstandene Emporenbrüstung im Rokokostil andererseits.

Im Rückpositivgehäuse befinden sich die Registerzüge für das Rückpositiv. Aufgrund der Umbauten im 19. Jh. und der Anpassungen an den Zeitgeschmack ging ein Großteil des Pfeifenmaterials des 18. Jahrhunderts verloren. Die sehr guten Manualklaviaturen von Rohlfink mit dem großen Umfang (C-f3) wurden bei der Restaurierung beibehalten, um die Wiedergabe von Orgelmusik aus dem 19. Jahrhundert zu ermöglichen. Die sechs originalen Schnitger-Register befinden sich in einem sehr guten Zustand. Im Pedal sind noch der hölzerne Subbass und von den drei Zungenregistern die Kehlen, Köpfe und Zungen aus dem 19. Jahrhundert erhalten; die Becher sind neu. Bei den Restaurierungen ging es nicht um die Rekonstruktion des Zustands aus dem 18. Jahrhundert, sondern um eine Wiederherstellung der alten Klangverhältnisse unter Verwendung des historischen Materials. Die Schnitgerorgel in Uithuizen diente Vierdag bei der Rekonstruktion 14 neuer Register als Vorbild. Diese Restaurierung blieb allerdings unbefriedigend. Erst durch Jürgen Ahrend gelang die technische und klangliche Fertigstellung im Rahmen eines überzeugenden Gesamtkonzepts, das sich am Ideal des Schnitger-Klangs orientiert. Vox humana 8’ und Dulcian 8’ wurden nach Uithuizen, die Trompete 8’ nach Stade St. Cosmae rekonstruiert.

Die Registerbeschriftungen wurden in niederländischer Sprache angebracht (Vorbild Uithuizen), wie es aus dem 18. Jahrhundert überliefert ist. Bis in das 19. Jahrhundert war Niederländisch in den Kirchen in Weener üblich.

I. RÜCKPOSITIV | CDE–f³

Holpyp 8 voet
Quintadena 8 voet
Praestant 4 voet
Holpyp 4 voet
Octaav 2 voet
Wourdfluyt 2 voet
Quint 1 1/2 voet
Sexquialter 2 sterk
Scherp 4 sterk
Dulciaan 8 voet

II. HAUPTWERK | C–f³
Quintadena 16 voet
Praestant 8 voet
Holpyp 8 voet
Octaav 4 voet
Spitsfluyt 4 voet
Nasat 3 voet
Super Octaav 2 voet
Mixtur 4–6 sterk
Cimbel 3 sterk
Trompet 8 voet
Vox humana 8 voet
Tremulant
Tremulant forte
Manual-Schiebekoppel

PEDAL | C–d¹

Subbas 16 voet
Praestant 8 voet
Octaav 4 voet
Supter Octaav 2 voet
Mixtur 5 sterk
Bazuyn 16 voet
Trompet 8 voet
Trompet 4 voet


© Gabriel Isenberg, 2009 / 2010