Orgel: Carl Haupt & Sohn (Ostercappeln), 1880; Pfeifenbestand größtenteils von 1661 und um 1720.

Abseits von Rieste am Alfsee im Landkreis Osnabrück liegt das ehemalige Ritterhaus Lage, zu dem bis zu seiner Auflösung im Jahr 1810 auch die katholische Johanneskirche Lage-Rieste gehörte. Die Anlage geht auf eine Gründung des Johanniterordens aus dem Jahr 1245 zurück und war über viele Jahrhunderte hinweg eine der bedeutendsten Ordensniederlassungen Nordwestdeutschlands. Ihre überregionale Bekanntheit verdankt sie jedoch vor allem dem wundertätigen Heiligen Kreuz, das 1315 geweiht wurde. Nach mehreren Vorgängerbauten entstand 1426 der Bau, der heute den Mittelteil der Pfarrkirche Lage-Rieste bildet. Erweiterungen und Umbauten erfolgten in den Jahren 1659, 1733, 1902/04 sowie 1960/62.
Bereits vor dem Dreißigjährigen Krieg muss es eine Orgel in der Lager Kirche gegeben haben, denn die Kirchenrechnungen führen 1596/97 ein Organistengehalt auf. Im Zuge der nach dem Dreißigjährigen Krieg erfolgten Kirchenerweiterung von 1659 erhielt die Kirche eine neue Orgel – ein Inventar von 1661 erwähnt diese „Orgel, welche gleichfals ihr hochw. undt gnd [?] Herr Commenthur newes darin setztn laßen“. Über diesen Orgelbau sind keine weiteren Dokumente überliefert. Als Orgelbauer käme Hans Henrich Reinking aus Bielefeld in Frage, da er in dieser Zeit im Umkreis zahlreiche Arbeiten ausführte; gegen seine Autorschaft sprechen hingegen die noch erhaltenen Pfeifensignaturen aus dieser Zeit. Es kämen auch andere westfälische Orgelbauer infrage, etwa Henrich Düppen aus Bielefeld oder Claus Hermann Lampe aus Levern.
In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde die Orgel – dem Befund der noch heute erhaltenen Pfeifen zufolge – verändert. Man geht von einem Umbau um 1720 aus; möglicherweise steht diese Maßnahme aber auch im Zusammenhang mit den Stuckarbeiten von 1733. Die Visitationsprotokolle von 1725 und 1733 nennen den Umfang der Orgel „mit acht Stimmen“.
1831 erfolgte die Verlegung der Orgel vom Westwerk in den Chorraum; im Zuge dieser Maßnahme nahm der Dammer Orgelbauer Friedrich Wilhelm Haupt eine Erweiterung des Instruments vor. Die Disposition der Barockorgel kann aus dem Kostenanschlag zum Bau einer neuen Orgel rekonstruiert werden, den Carl Rudolf Haupt & Sohn, Inh. Rudolf Haupt (Ostercappeln) am 25. April 1878 einreichte: Gedackt 8', Praestant 4‘, Flöte 4‘, Quinte 2 2/3‘, Oktave 2‘, Mixtur 3f., Trompete 8‘ (vermutlich geteilt in Bass und Diskant). Auf Grundlage dieses Angebots baute die Fa. Haupt die neue Orgel, die 1880 fertiggestellt war. Unter den 14 Registern wurde in größerem Umfang Pfeifenmaterial aus den beiden früheren Bauschichten von 1661 und um 1720 wiederverwendet. Da die alte Orgel im Chorton stand, musste jeweils eine neue Pfeife im Bass ergänzt werden; der Diskant-Umfang wurde bis f³ erweitert.
Die Haupt-Orgel stand zunächst „oben auf dem Chore neben dem Hochaltar“. Nach der Erweiterung der Kirche wurde sie 1904 auf die Empore an der Südwand im neu errichteten Querhaus umgesetzt. 1917 mussten die Prospektpfeifen für Kriegszwecke abgeliefert werden. Erst 1948 wurde eine elektrische Windmaschine installiert. Nach einer Renovierung im Jahr 1981 durch die Firma Alfred Führer (Wilhelmshaven) erfolgten 2001/02 eine grundlegende Restaurierung sowie die Versetzung der Orgel in die Mitte der Empore durch die Orgelbauwerkstatt Martin Cladders (Badbergen). Das Instrument ist original erhalten und besitzt seit 1880 eine unveränderte Disposition. Durch die Wiederverwendung des alten Pfeifenwerks lässt das Instrument allerdings weit tiefer in die orgelgeschichtliche Vergangenheit der Kirche und der Region blicken, als dies auf den ersten Blick deutlich wird.
In dem nach hinten und oben offenen Orgelgehäuse steht das Pfeifenwerk der beiden Manualwerke auf durchschobenen Zwillingsladen. Die Zuordnung zu den Manualen ist an den Registerzügen (oberhalb des Notenbults in der seitlich eingebauten Spielanlage) farblich gekennzeichnet: Untermanual schwarz, Obermanual rot. Das Pedalwerk steht ohne Gehäuse im Turmzimmer hinter der Orgel. Die beiden Koppelzüge müssen eingehakt werden, die Pedalkoppel ist durchkoppelnd. Der große Doppelfalten-Magazinbalg mit zwie Schöpfern liefert einen Winddruck von 69 mm WS; die Stimmung ist gleichschwebend.
I. MANUAL | C–f³
Principal 8'
Bordon 16'
Quintatön 8'
Octav 4'
Quinte 3'
Flöte 4'
Mixtur 3f.
Trompete 8'
Manualcoppel
II. MANUAL | C–f³
Gamba 8'
Gedectflöte 8'
Doppelflöte 4'
Spitzflöte 2'
PEDAL | C–c¹
Subbaß 16'
Violon 8'
Pedalcoppel
Mechanische Schleiflade.
Quellen und Literatur: Martin Cladders, Restaurierungsbericht über die historische Orgel von 1880 von Carl Haupt in der Wallfahrtskirche St. Johannes der Täufer zu Rieste-Lage, Badbergen 2002 ⋄ Ausführungen von Pfr. Dr. Heinrich Bernhard Kraienhorst auf der alten Homepage der Kath. Kirchengemeinde St. Johannes d. T. Lage (nicht mehr online) ⋄ Eigener Befund.
Nr. 317 | Die Orgel habe ich zum ersten Mal am 30.03.2009 gespielt, auf ihr begleite ich hin und wieder Wallfahrtsgottesdienste.
© Dr. Gabriel Isenberg | Letzte Änderung: 10.12.2025.
www.orgelsammlung.de
© Dr. Gabriel Isenberg, 2023/26
