Orgel: Johannes Klais Orgelbau (Bonn), 1965, im historischen Egell-Gehäuse von 1755.

Der Bau der barocken Jesuitenkirche in Mannheim erstreckte sich nach der Grundsteinlegung im Jahr 1733 aus finanziellen Gründen ab 1738 über einen langen Zeitraum. 1756 wurde der vollendete Bau benediziert und 1760 feierlich konsekriert.
Die Orgel war bereits 1755 fertiggestellt worden. Sie stammte vom Straßburger Orgelbauer Johann Georg Rohner und orientierte sich mit ihren 32 Registern auf zwei Manualen und Pedal am elsässisch-französischen Orgelbau der Zeit. Das Gehäuse entstand nach einem Entwurf des kurpfälzischen Hofbildhauers Paul Egell und wurde von dessen Sohn Augustin Egell gemeinsam mit den Schreinermeistern Graff und Dreher Ridinger ausgeführt.
Im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts erfuhr das Instrument mehrere Umbauten und technische Veränderungen. Um 1780 befand sich die Orgel in der Pflege des Heidelberger Orgelbauers Andreas Krämer; in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts arbeiteten Anton Overmann sen. und jun., ebenfalls aus Heidelberg, an der Jesuitenkirche. Ein weiterer Umbau erfolgte 1880 durch die Werkstatt H. Voit & Söhne (Durlach), bevor dieselbe Firma 1893 einen umfassenden technischen Neubau ausführte. Die Orgel verfügte nun über 50 klingende Stimmen auf drei Manualen und Pedal. 1930 nahm Carl Hess (Durlach) eine Reparatur des Instruments vor.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde das gesamte Orgelwerk zum Schutz vor den schweren Bombenangriffen auf Mannheim in eine Kirche nach Neckarelz ausgelagert. Das Orgelgehäuse blieb vor Ort und war durch eine feste Verschalung gesichert, sodass die erheblichen Kriegsschäden an der Kirche nur geringe Auswirkungen auf das Gehäuse hatten.
Im Zuge des Wiederaufbaus der Kirche konnte das barocke Orgelgehäuse 1952 instand gesetzt und an seinem ursprünglichen Standort wiederaufgestellt werden. Es erhielt ein kleines Orgelwerk der Firma Carl Hess (Durlach), das provisorisch aus 18 Registern des geretteten Pfeifenbestands der Voit-Orgel zusammengestellt wurde.
1963 wurde diese Hess-Orgel durch Max Bader (Hardheim) als » Chororgel auf die Seitenempore versetzt und mit einem andernorts erworbenen Barockgehäuse von 1751/52 versehen. In das große Orgelgehäuse von 1755 auf der Westempore baute die Firma Johannes Klais Orgelbau (Bonn) 1965 ein neues Instrument im neobarocken Stil mit 56 Registern auf vier Manualen und Pedal. Die Disposition entwarfen P. Albert Hohn OSB und Hellmuth Kraus.
Nach Abschluss der umfassenden Restaurierungs- und Rekonstruktionsmaßnahmen an der Kirche in den Jahren 1986 bis 2004 wurde 2004 auch die Klais-Orgel renoviert. Die technische Überarbeitung übernahm die Erbauerfirma, während die klangliche Optimierung durch die Firma Gerhard Lenter (Sachsenheim) erfolgte. Die Disposition wurde dabei geringfügig verändert; zugleich erhielt das Instrument eine moderne Setzeranlage, deren Steuerelemente unauffällig in Schubladen unterhalb der Registerstaffeln integriert wurden, ohne das Erscheinungsbild des Spieltischs zu beeinträchtigen.
I. POSITIV | C–g³
Principal 8'
Rohrgedackt 8'
Octav 4'
Blockflöte 4'
Waldflöte 2'
Larigot 1 1/3'
Cornett 5f.
Scharff 3–4f.
Dulcian 16'
Krummhorn 8'
Tremulant
Koppel III-I
Koppel IV-I
II. HAUPTWERK | C–g³
Principal 16'
Principal 8'
Gemshorn 8'
Gamba 8'
Octav 4'
Hohlflöte 4'
Quinte 2 2/3'
Superoctav 2'
Mixtur 4f.
Trompete 16'
Trompete 8'
Koppel I-II
Koppel III-II
Koppel IV-II
III. ECHOWERK | C–g³
Holzgedackt 8'
Quintade 8'
Principal 4'
Rohrflöte 4'
Nasard 2 2/3'
Octav 2'
Terz 1 3/5'
Sifflet 1'
Acuta 4f.
Vox humana 8'
Oboe 8'
Tremulant
Koppel IV-III
IV. SCHWELLWERK | C–g³
Pommer 16'
Geigenprincipal 8'
Holzflöte 8'
Viol di Gamba 8'
Vox coelestis 8'
Octav 4'
Holztraverse 4'
Querflöte 2'
Septsesquialter 2-3f.
Mixtur 5f.
Fagott 16'
Trompett harm. 8'
Clairon harm. 4'
Tremulant
Koppel Sub IV-IV
PEDAL | C–f¹
Untersatz 32'
Principalbass 16'
Subbass 16'
Zartbass 16'
Quinte 10 2/3'
Holzoctav 8'
Bartpfeife 8'
Choralflöte 4'
Großsesquialter 2f.
Hintersatz 4f.
Posaune 16'
Trompete 8'
Clarine 4'
Cornett 2'
Koppel I–P
Koppel II–P
Koppel III–P
Koppel IV–P
Zwei freie Kombinationen, Elektronische Setzeranlage, Crescendowalze.
Schleiflade, mechanische Spieltraktur, elektrische Registertraktur.
Quellen und Literatur: Bernd Sulzmann, Historische Orgeln in Baden, München/Zürich 1980, S. 68 ⋄ www.chor-der-jesuitenkirche.de [28.04.2023] ⋄ Eigener Befund.
Nr. 471 | Diese Orgel habe ich am 16.10.2013 im Rahmen der VOD-Ausbildung zum Orgelsachverständigen besucht.
© Dr. Gabriel Isenberg | Letzte Änderung: 28.04.2023.
www.orgelsammlung.de
© Dr. Gabriel Isenberg, 2023/26
