Orgel: Karl Schuke (Berlin), 1981–84 – teilrekonstruktiver Neubau unter Wiederverwendung der historischen Substanz (Gehäuse, Pfeifenwerk) von 1466 und 1504 und 1573, orientiert am Zustand von Joachim Richborn (Hamburg), 1673.

Die Orgelgeschichte der Lübecker Hauptpfarrkirche St. Jakobi nimmt innerhalb der norddeutschen Orgelgeschichte eine herausragende Stellung ein. Ihre Besonderheit liegt nicht allein im hohen Alter erhaltener Bauelemente, sondern vor allem darin, dass hier gleich zwei große historische Orgeln – die große Orgel im Westwerk und die kleinere Stellwagen-Orgel an der Nordwand – in außergewöhnlich hohem Maße erhalten geblieben sind.
Die Geschichte der großen Orgel reicht – nachdem bereits aus dem 14. Jahrhunderte erste Nachrichten über Orgelmusik in St. Jakobi dokumentiert sind – bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts zurück. Ihre ältesten Bestandteile stammen aus der gotischen Blockwerk-Orgel von 1465/66. Die imposante gotische Hauptwerks-Fassade entstand 1504 und wird dem Lübecker Werkmeister Peter Lasur zugeschrieben. Sie prägt bis heute maßgeblich das Erscheinungsbild der Orgel und gehört zu den bedeutendsten spätgotischen Orgelprospekten Norddeutschlands. Eine weitere entscheidende Erweiterung erfolgte 1573 durch den Orgelbauer Hans Köster, der ein Rückpositiv anfügte und damit der Orgel eine für die norddeutsche Renaissance typische Struktur verlieh.
Den umfassendsten barocken Ausbau erhielt das Instrument 1673 durch den Hamburger Orgelbauer Joachim Richborn. Er ergänzte das Hauptwerk um neue Register, erweiterte das Rückpositiv, fügte ein Brustwerk ein und schuf die markanten Pedaltürme, die das Hauptwerk flankieren. Damit erreichte die Orgel eine Größe und klangliche Vielfalt, die sie zu einem der bedeutendsten Instrumente ihrer Zeit machte. Die genaue Disposition dieses Zustands, 51 Register umfassend, ist allerdings erst durch eine schriftliche Quelle aus dem Jahr 1739 überliefert.
In den folgenden Jahrhunderten unterlag die Orgel – wie viele historische Instrumente – zahlreichen Reparaturen, Umbauten und klanglichen Anpassungen an wechselnde ästhetische Ideale. So
platzierte beispielsweise Christoph Julius Bünting in den Jahren 1739–41 das Brustwerk als Oberwerk hinter dem Hauptwerksgehäuse und erweiterte es um drei Register. Im Pedal ergänzte er eine
Posaune 32'. Diese Eingriffe führten bis ins frühe 20. Jahrhundert zu teils erheblichen technischen und klanglichen Veränderungen. Während der Amtszeit des Jakobi-Organisten Hugo Distler kam
es 1935 zu einem ersten, bewusst restauratorisch angelegten Umbau durch Karl Kemper (Lübeck), der eine Rückbesinnung auf ältere Klangvorstellungen zum Ziel hatte.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Große Orgel ausgelagert, um sie vor Zerstörung zu schützen. In den Jahren 1957 bis 1965 erfolgte der Wiederaufbau in mehreren Bauabschnitten durch Emanuel
Kemper jun., der das Instrument zugleich zu einer viermanualigen Orgel erweiterte. In den 1970er-Jahren traten jedoch erhebliche statische Probleme am tragenden Gebälk auf, die eine grundlegende
Sanierung erforderlich machten. Dies gab den Anstoß zu einer umfassenden orgelbaulichen Maßnahme zwischen 1981 und 1984, die von der Berliner Orgelbauwerkstatt Karl Schuke ausgeführt wurde.
Diese Arbeiten umfassten nicht nur die statische Sicherung und die sorgfältige Restaurierung des historischen Gehäuses sowie der überlieferten Pfeifenbestände, sondern auch die Rekonstruktion
verloren gegangenen historischen Pfeifenmaterials. Die konzeptionelle Grundlage bildeten die noch vorhandenen Register aus den Bauphasen von 1573 und 1673. Finanziert wurde das Projekt
überwiegend durch Spenden sowie durch Zuschüsse, unter anderem der Possehl-Stiftung zu Lübeck und aus sogenannten Zonenrandmitteln. Ziel war es, der Orgel wieder einen historisch fundierten
Gesamtcharakter zu verleihen, ohne die gewachsene Struktur des Instruments zu verleugnen. Heute verfügt die große Orgel über vier Manuale und Pedal mit insgesamt 63 Registern. Die Werke gliedern
sich in Hauptwerk, Rückpositiv, Brustwerk, Oberwerk und Pedal. Das Oberwerk nimmt dabei eine Sonderstellung ein: Es ist vorwiegend romantisch geprägt und hebt sich auch baulich im Innern deutlich
von den historischen Gehäuseteilen ab, fügt sich jedoch klanglich überzeugend in das Gesamtgefüge ein. Die Spiel- und Registertrakturen sind mechanisch ausgeführt, werden jedoch durch eine
zusätzliche elektromagnetische Registeranlage ergänzt. Die Windladen sind als Schleifladen konzipiert. Das Oberwerk ist mit einem Jalousieschweller ausgestattet, das Brustwerk mit schließbaren
Türen.
Eine weitere wichtige Maßnahme erfolgte 2012/13 durch die niederländische Firma Flentrop Orgelbouw (Zaandam), die eine Renovierung, den Neubau der Windanlage sowie eine behutsame Neuintonation (Intonateure: Klaus Bukowski und Peter Kegel) durchführte. Außerdem wurde in Zusammenarbeit mit der Fa. von Beckerath im Pedal ein Untersatz 32' ergänzt sowie der Quintbaß 10 2/3' durch ein Gedackt 8' ersetzt. Diese Arbeiten dienten der klanglichen Konsolidierung und der langfristigen Sicherung des Instruments.
In ihrer heutigen Gestalt stellt die große Orgel von St. Jakobi ein einzigartiges Zeugnis norddeutscher Orgelbaukunst dar, in dem sich spätmittelalterliche, renaissancezeitliche, barocke, romantische und moderne Schichten zu einem historisch wie klanglich außergewöhnlich dichten Gesamtkunstwerk verbinden.
I. RÜCKPOSITIV | C–g³
Principal 8' *
Gedackt 8' *
Quintadena 8' *
Octav 4' *
Blockflöte 4' *
Octav 2' *
Sesquialtera 2f. *
Quint 1 1/3'
Scharff 5–6f. [1']
Cymbel 3f. [1/4']
Dulcian 16'
Trechterregal 8'
Krummhorn 8'
Tremulant
OW–RP
II. HAUPTWERK | C–g³
Principal 16' *
Octav 8' *
Spillpfeife 8' *
Octav 4' *
Flöte 4' *
Quint 2 2/3' *
Octav 2'
Mixtur 6–8f. [2']
Scharff 4–5f. [1']
Trompete 16' *
Trompete 8' *
Zink 8' [ab fº] *
RP–HW
OW–HW mech./elektr.
BW–HW
III. OBERWERK (SW) | C–g³
Bordun 16' *
Offenflöte 8'
Viola da Gamba 8'
Schwebung 8' ab cº
Principal 4'
Querflöte 4'
Rohrnassat 2 2/3'
Spitzflöte 2'
Terzflöte 1 3/5’
Sifflöte 1'
Mixtur 5f. [2 2/3']
Fagott 16'
Trompete 8'
Oboe 8'
Tremulant
IV. BRUSTWERK | C–g³
Holzgedackt 8'
Principal 4'
Rohrflöte 4'
Nassat 2⅔'
Octav 2'
Waldflöte 2'
Terz 1 3/5'
Quint 1 1/3'
Scharff 4f. [2/3']
Vox humana 8'
Tremulant
PEDAL | C–f¹
Untersatz 32' *
Principal 16' *
Subbaß 16'
Octav 8' *
Gedackt 8' *
Gemshorn 8’
Octav 4'
Nachthorn 2'
Rauschpfeife 3f. [4'] *
Mixtur 4f. [2 2/3']
Posaune 32' *
Posaune 16' *
Trompete 8'
Trompete 4'
HW–PED
RP–PED
OW–PED
* = Register enthalten historisches Pfeifenmaterial.
Nebenregister: Stern, Nachtigall.
Schwelltritt und Zug für Schweller Oberwerk; Zug für Türen Brustwerk.
Setzeranlage.
Mechanische Schleiflade, doppelte Registertraktur (mechanisch und elektrisch).
Quellen und Literatur (Auswahl): Eduard Hach, Zur Geschichte der großen Orgel in der St. Jakobi-Kirche zu Lübeck und des Epitaphiums von Jochim Wulff daselbst, in: Zeitschrift
des Vereins für Lübeckische Geschichte, Bd. 7 (1898), S. 129–150 ⋄ Dietrich Wölfel, Die wunderbare Welt der Orgeln. Lübeck als Orgelstadt, Lübeck 1980 ⋄ Eigener Befund.
Nr. 698 | Diese Orgel habe ich am 10.06.2025 im Rahmen der VOD/BDO-Tagung in Lübeck besucht.
© Dr. Gabriel Isenberg | Letzte Änderung: 18.06.2025.
www.orgelsammlung.de
© Dr. Gabriel Isenberg, 2023/26
