Orgel: Flentrop Orgelbouw (Zaandam), 2018–22: rekonstruktiver technischer Neubau auf Grundlage älterer Bauschichten von 1436, Jacob Scherer 1555/58, Hans Köster 1568, Friedrich Stellwagen 1637/41 und Christoph Julius Bünting 1754/66.

In der in ihrer Grundsubstanz auf die Zeit um 1200 zurückgehenden Stadtkirche St. Nicolai in der Eulenspiegelstadt Mölln befindet sich eine der ältesten Orgeln Norddeutschlands. Die Geschichte des Instruments reicht bis in das 15. Jahrhundert zurück: Bereits 1436 ist in St. Nicolai eine Orgel urkundlich belegt, und einzelne Pfeifen aus dieser frühen Zeit haben sich bis heute erhalten. Damit gehört die Möllner Orgel zu den wenigen Instrumenten, in denen bis heute spätmittelalterliche Klangsubstanz erklingt. Um 1500, als auch am Kirchengebäude umfangreiche Umbau- und Erweiterungsarbeiten erfolgten, wurde das ursprüngliche Blockwerk in Einzelstimmen aufgeteilt.
Den entscheidenden Ausbau erhielt die Orgel in den Jahren 1555 bis 1558 durch den norddeutschen Orgelbauer Jacob Scherer. Er schuf ein neues Werk auf der Grundlage der vorhandenen Substanz und integrierte ältere Pfeifen und Register in seine Neukonzeption. Große Teile dieses Scherer-Werks sind bis heute erhalten und prägen den Charakter der Orgel maßgeblich.
1567 führte Hans Köster aus Lübeck nach einer Beschädigung durch Blitzschlag eine umfassende Reparatur der Orgel aus, bei der er dem Werk auch ein neues Rückpositiv mit zehn Registern hinzufügte. Der Lübecker Orgelbauer Friedrich Stellwagen baute 1637–41 die Orgel tiefgreifend um, richtete sie dreimanualig ein und schuf wohl auch die Pedaltürme. Durch seine Erweiterung um zwölf Stimmen wuchs der Bestand nun auf 36 klingende Register an.
Nachdem die Orgel in den Zeiten des Großen Nordischen Kriegs einige Jahre vernachlässigt worden war, kam es 1721 zu einer Reparatur und geringfügigen Erweiterung durch den in Altona ansässigen Orgelbauer Reinerus Caspary. Eine grundlegende Erneuerung nahm schließlich in den Jahren 1754 bis 1766 Christoph Julius Bünting aus Lübeck vor. Von ihm ist neben fünf Registern im Hauptwerk vor allem das Gehäuse in großen Teilen erhalten. Dass seine Arbeit nicht in allen Punkten überzeugte, ist wohl mehrfacher Abänderungen der Konzeption während der langen Bauphase (12 Jahre!) geschuldet.
1854 erfolgte ein Umbau durch die Firma Marcussen & Søn aus Apenrade, die – dem Zeitgeschmack entsprechend – das Rückpositiv in ein hinterständiges Schwellwerk umbauten und die Registerzahl auf 33 reduzierten. Im Rahmen der grundlegenden Sanierung und Umgestaltung der Kirche 1896 wurde die Orgel abgetragen und anschließend durch Emanuel Kemper (Lübeck) auf einer neuen Empore unverändert wiederaufgestellt.
Maßgebliche Schritte zur „Rückbesinnung“ auf die barocken Ursprungsformen des Instruments leitete der von der Wandervogel- und Singbewegung geprägte Organist Rudolf Ude ab Mitte der 1920er-Jahre an. 1929 wurde auf sein Betreiben die Empore nach vorne verlängert und ein stummes Rückpositiv gebaut. Eine ebenfalls angedachte klangliche „Re-Barockisierung“ konnte jedoch zunächst nicht zur Ausführung gebracht werden.
Nachdem bereits 1945 erheblicher Wurmbefall in der Orgel festgestellt worden war, führte der Kieler Orgelbauer Eberhard Tolle 1954 eine Sanierung durch. Sein Nachfolger Rudolf Neuthor wiederum gestaltete die Orgel unter Anleitung des Orgelsachverständigen Helmut Winter 1968–75 im zeittypischen Sinne neobarock idealisiert um: Er stellte das Rückpositiv wieder her und baute neue Windladen und einen neuen Spieltisch mit einer elektrischen Registertraktur. Die Dokumentation sämtlicher Pfeifen-Inskriptionen war dabei eine wertvolle Arbeit! 1995 überarbeitete er die Traktur.
Die vielen Eingriffe im Laufe der Zeit hatten dazu geführt, dass sich die Orgel gegen Ende des 20. Jahrhunderts in einem technisch derart desolaten Zustand befand, dass eine umfassende Restaurierung notwendig wurde, um die Orgel spielbar zu erhalten, in ihrer gewachsenen Struktur zu bewahren und ihrem historischen Wert gerecht zu werden. Nach intensiver Vorbereitung, u. a. im Rahmen eines international besetzten Symposiums 2009, und Unterstützung durch einen eigens gegründeten Förderverein wurde die Restaurierung schließlich in den Jahren 2018 bis 2022 durch die Orgelbauwerkstatt Flentrop Orgelbouw aus Zaandam durchgeführt. Ziel war es, die historische Substanz zu sichern, spätere Verfremdungen behutsam zurückzunehmen und den ursprünglichen Charakter des Instruments wiederherzustellen. Realisiert wurde ein technischer Neubau, in dem die Teilwerke und Register gemäß ihrer Entstehungszeit zusammengestellt wurden. Hervorzuheben ist dabei der größte nun zusammenhängende Bestand an klingendem Material von Jacob Scherer. Die musikalische Handschrift von Christoph Julius Bünting tritt im Hauptwerk und Rückpositiv zutage, im Rückpositiv gehen außerdem drei Register auf Hans Köster zurück, und im Brustwerk sind einige Stimmen von Friedrich Stellwagen zusammengefasst. Dass sich all diese Schichten zu einem harmonischen Ganzen fügen, ist auch dank der großen Sensibilität der Intonateure ein großer Glücksfall. Integriert in dieses einzigartige Ensemble sind die wohl ältesten spielbaren Orgelpfeifen Deutschlands von 1436 – die großen Pedalpfeifen von Principal 16' und Octava 8' im Prospekt!
I. RÜCKPOSITIV | CD–d³
Principal 8'
Gedact 8'
Qvintadena 8'
Octava 4'
Blockflöit 4'
Octava 2'
Sesqvialtera
Mixtur [4f.]
Cimbel [2f.]
Sifflöit 1 1/2'
Trechterregal [8']
Tremulant Positiv
II. HAUPTWERK | CD–d³
Qvintadena 16'
Principal 8'
Spitzflöit 8'
Holpipen 8'
Octava 4'
Holflöit 4'
Qvinta 3'
Nasat 3'
Octava 2'
Mixtur [4f.]
Cimbel [3f.]
Trommet 16'
Vox Humana 8'
Tremulant [HW + BW]
Positiv an Manual [I–II]
[Schiebekoppel III–II]
III. BRUSTWERK | CD–d³
Gedact 8'
Qvintadena 4'
Waldflöit 2'
Sifflöit 1'
Sesqvialtera
Trichterregal 8'
PEDAL | C–d¹
Principal 16'
Subbass 16'
Octava 8'
Gedact 8'
Octava 4'
Qvinta 3'
Mixtur [4f.]
Posaune 16'
Trommet 8'
Trommet 4'
Manual an Pedal
Positiv an Pedal
4 Sperrventile: Ventil Brust, Ventil Manual, Ventil Positiv, Ventil Pedal.
Cymbelstern I, Cymbelstern II.
6 Keilbälge mit Treteinrichtung (Winddruck: 68 mmWS);
Tonhöhe: 1 Halbton über Kammerton 440 Hz;
Temperierung modifiziert mitteltönig (1/5 Komma nach Norden St. Ludgeri).
Mechanische Schleiflade.
Quellen und Literatur: Rudolf Ude, Die Jacob-Scherer-Orgel in St. Nicolai, Mölln. Geschichte einer 400jährigen Orgel, o. J. ⋄ Markus Zimmermann, „auf Kind und Kindeskinder gut erhalten“. Die Scherer/Bünting-Orgel in Mölln, St. Nicolai – ein Lesebuch norddeutscher Orgelgeschichte, in: Organ. Journal für die Orgel 26 (4/2023), S. 44–49 ⋄ Eigener Befund.
Nr. 701 | Diese Orgel habe ich am 12.06.2025 im Rahmen der VOD-Tagung in Lübeck besucht.
© Dr. Gabriel Isenberg | Letzte Änderung: 05.01.2026.
www.orgelsammlung.de
© Dr. Gabriel Isenberg, 2023/26
