Orgel: Gebr. Jehmlich (Dresden), 1910.

Die ev.-lutherische Philippuskirche im Leipziger Stadtteil Lindenau ist ein in den Jahren 1907–10 errichteter Jugendstilbau, dessen Gestaltung den Prinzipien des sog. Wiesbadener Programms folgt; dieses sieht unter anderem vor, dass Altar, Kanzel und Orgel eine gestalterische Einheit auf der Mittelachse des Raumes bilden.
So entstand gleichzeitig mit dem Kirchenbau auch die Orgel, die nach einem Dispositionskonzept von Paul Gerhardt (Zwickau) durch die Orgelbauwerkstatt der Gebr. Jehmlich (Dresden) als Firmen-Opus 287 erbaut wurde. Die Orgelweihe erfolgte am 6. November 1910. Aus Kostengründen waren sechs Register für den späteren Einbau vorgesehen.
Eine Besonderheit des Instruments ist die bis heute vorhandene 30-fache pneumatische Freikombination. Dazu befinden sich oberhalb der III. Manualklaviatur sechs Klappen, hinter denen sich 30 Leisten mit je 96 Druckknöpfen verbergen, die zu einem Rollo verbunden sind, das per Handrad und Kettensteuerung bewegt wird und in drei Positionen einrastet. Ein pneumatischer Apparat liest die durch die Druckknöpfe eingestellte Speicherung aus; runde Sichtfenster informieren über die eingeschalteten Kombinationen. Anzahl und Beschriftung der 96 Druckknöpfe entsprechen den Register- und Koppel-Schaltwippen.
Im Rahmen eines Umbaus wurde 1937 die Disposition verändert; außerdem entfernte man die Freikombination, lagerte sie aber im Orgelinnern ein. 1958 wurden die Mixturen in ihrer Zusammenstellung verändert und das ganze Werk neu intoniert. Im Laufe der Zeit verschlechterte sich der Zustand zunehmend, doch eine 1980 angedachte Wiederherstellung kam aus Kostengründen nicht zustande, so dass die Orgel über viele Jahre hinweg unspielbar war.
Ende der 1990er-Jahre starteten umfangreiche Sanierungsarbeiten des Kirchengebäudes, und 2012 ging die Kirche mit den zugehörigen Nebengebäuden von der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens in das Eigentum des Berufsbildungswerks Leipzig über. Dies bildete auch den Ausgangspunkt der Wiederherstellung der Orgel. Nach einer Überarbeitung des Spieltischs konnte die Orgel erstmals zu Heiligabend 2013 wieder gespielt werden. Daraufhin wurde zusammen mit dem Orgelbauer Stefan Pilz aus Leipzig die Restaurierung des wertvollen Instruments in den Blick genommen. Dieser starb aber am 19. November 2018 im Alter von nur 44 Jahren bei einem Autounfall, sodass er das Restaurierungsprojekt nicht vollenden konnte. Somit übertrug man im September 2019 der Orgelbauwerkstatt Frank Peiter aus Lengefeld den Auftrag zur Restaurierung des wertvollen Instruments. Ziel war die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands von 1910 mit dem Wiedereinbau des pneumatischen Freikombinations-Apparts sowie der Ergänzung der sechs bislang nur vorgesehenen Register. Die Wiedereinweihung der restaurierten Orgel erfolgte am 1. Mai 2021 – wegen der Corona-Pandemie nur in kleinem Rahmen, ein Jahr später dann mit einem umfangreicheren Festprogramm.
Der Spieltisch steht an der linken Seite der Empore vor der Orgel. Die Registerwippen sind links und rechts neben den Klaviaturen in jeweils drei Reihen angeordnet, wobei die Register des III. Manuals mit eigenen Registerwippen auf der rechten Seite auch auf Manual II registriert werden können. Die zahlreichen Spielhilfen werden über Druckknöpfe und Fußschalter bedient. Beeindruckend ist der farbenreiche Klang der Orgel, der in der guten Akustik des Kirchenraums eine enorme dynamische Bandbreite umfasst.
I. MANUAL | C–a³ (a⁴)
Bordun 16'
Principal 16'
Salicional 8'
Bordun 8' [Ext. B.16']
Gemshorn 8'
Flûte harm. 8'
Gambe 8'
Principal 8'
Dolce 4' [2021]
Rohrflöte 4'
Octave 4'
Rausch-Quinte 2f. [rekonstr.]
Cornett 3–4f.
Mixtur 3–5f. [rekonstr.]
Trompete 8'
Clarine 4' [Ext. Tr.8']
Manualkoppel III–I
Manualkoppel II–I
Sub-Octav-Koppel II–I
Super-Octav-Koppel I–I
II. MANUAL (SW) | C–a³
Bordun 16'
Dolce 8' [2021]
Rohrflöte 8'
Viola 8'
Konzertflöte 8'
Principal 8'
Fernflöte 4'
Gemshorn 4'
Principal 4' [Ext. Principal 8']
Rohrquinte 2 2/3' [2021]
Piccolo 2' [Ext. Progressio]
Terz 1 3/5'
Septime 1 1/7' [2021]
Progressio 4f.
Oboe 8'
Schwebeflöte 8' [= Zfl. III + Tr.]
Manualkoppel III–II
Sub-Octav-Koppel III–II
Super-Octav-Koppel III–II
Super-Octav-Koppel II–II
III. MANUAL (SW) | C–a³ (a⁴)
Gedackt 16'
Aeoline 8'
Zartflöte 8'
Liebl. Gedackt 8'
Vox coelestis 8' [ab cº]
Quintatön 8'
Violine 8'
Spitzflöte 8'
Geigen-Principal 8'
Viola d’amour 4' [rekonstr.]
Traversflöte 4'
Fugara 4' [rekonstr.]
Nassat 2 2/3'
Flautino 2'
Sifflöte 1' [1937]
Harm. aetherea 3–4f. [rek.]
Clarinette 8' [durchschl.]
Trompette harm. 8'
PEDAL | C–f¹
Untersatz 32' [Ext. S.16']
Harmonikabaß 16'
Gedacktbaß 16' [Transm. II]
Subbaß 16'
Violon 16'
Principalbaß 16'
Quintbaß 10 2/3' [2021: Ext. S.16']
Gedacktbaß 8' [Ext. S.16']
Violoncello 8' [im Schweller]
Flötenbaß 8'
Principalflöte 4'
Posaune 16'
Trompetenbaß 8' [Ext. Pos.16']
Pedalkoppel III
Pedalkoppel II
Pedalkoppel I
Pedal-Tenor-Koppel II
Pedal-Octav-Koppel
Feste Kombinationen (P, MF, F, FF), Tutti, Auslöser, Freie Gruppen = 30-fache pneumatische Setzeranlage (1910), Crescendowalze, Manual III auf II spielbar (eigene Registerwippen), Schweller für III. und II. Manual, Pedalumschaltung, Generalkoppel.
Pneumatische Kegellade.
Quellen und Literatur: Der Orgel hinter die Pfeifen geschaut. Restaurierung der Jehmlich-Orgel in PHILIPPUS Leipzig, Philippusreihe Band 8, [Leipzig 2021] ⋄ Eigener Befund.
Nr. 672 | Diese Orgel habe ich am 24.05.2024 im Rahmen der VOD-Tagung in Leipzig besucht.
© Dr. Gabriel Isenberg | Letzte Änderung: 28.05.2024.
www.orgelsammlung.de
© Dr. Gabriel Isenberg, 2023/26
