Orgel: Rowan West (Altenahr), 2006 (unter Verwendung des klassizistischen Orgelgehäuses von 1845).

Die Martin-Luther-Kirche in der Innenstadt von Linz an der Donau ist die Hauptkirche der Evangelischen Superintendentur A. B. Oberösterreich und zugleich ein beredtes Zeugnis der wechselvollen
Geschichte der evangelischen Gemeinde vor Ort. Nachdem Kaiser Joseph II. mit dem Toleranzpatent vom 13. Oktober 1781 den evangelischen Glauben in seinen Erblanden wieder zugelassen hatte, zog
sich die behördliche Genehmigung für ein eigenes Bethaus in Linz trotz wiederholter Eingaben ab 1826 bis zum Jahr 1841 hin. Nach weiteren Verzögerungen beim Bau konnte das Gotteshaus schließlich
am 20. Oktober 1844 feierlich eingeweiht werden. Das Gebäude ist ein spätklassizistischer Saalbau nach Plänen von Johann Rueff, der entsprechend den damaligen Vorschriften mindestens 50 Meter von
der Landstraße zurückversetzt errichtet werden musste. Den zunächst untersagten Fassadenturm erhielt die Kirche erst 1862, nun in neugotischen Formen, die dem veränderten Zeitgeschmack
entsprachen. Den offiziellen Namen „Martin-Luther-Kirche“ trägt das Gotteshaus seit der Renovierung von 1949; seit 2009 steht es unter Denkmalschutz.
Die Geschichte der Orgel in der Martin-Luther-Kirche beginnt ein Jahr nach der Kirchenweihe: Am 24. August 1845 wurde die erste Orgel des Hauses feierlich eingeweiht. Sie war ein Instrument des
Linzer Orgelbauers Christian Wilhelm, einem aus Kassel stammenden Mitglied der dortigen, weit verzweigten Orgelbauerfamilie. Weitere Angaben über die Linzer Orgel wie Aufbau, Größe und
Disposition sind nicht überliefert; sie kostete 1800 Gulden. Möglicherweise stammt das klassistische Hauptgehäuse der heutigen Orgel noch von diesem ersten Instrument.
1910 baute Johann Lachmayr aus Urfahr ein neues Instrument vermutlich in das bestehende Gehäuse ein. Die Lachmayr-Orgel hatte 23 Register auf zwei Manualen und Pedal bei pneumatischen Trakturen, die viele Oktavkoppeln und Spielhilfen ermöglichten. In den folgenden Jahrzehnten nahm Lachmayrs Nachfolger Ludwig Mayrhofer mehrfach kleinere Änderungen an dem Instrument vor. Im Zuge der Nachkriegsrenovierung und des kirchenmusikalischen Aufbruchs jener Jahre entschied sich die Gemeinde für ein neues, „zeitgemäßes“ Instrument. Die renommierte Vorarlberger Orgelbaufirma Rieger Orgelbau (Schwarzach) errichtete 1961/62 eine Orgel mit 33 Registern auf drei Manualen (Rückpositiv, Hauptwerk, Oberwerk) und Pedal, die am 8. April 1962 durch den Organisten Helmut Müllner eingeweiht wurde. Das Instrument war in seiner Konzeption dem orgelbewegten Klangideal der Zeit verpflichtet und bot mit seinen Zungenstimmen, Aliquoten und hochliegenden Mixturen ein durchleuchtetes, transparentes Klangbild.
Mit der Zeit entsprach die Rieger-Orgel nicht mehr den gewachsenen klanglichen Ansprüchen der Gemeinde und des Musiklebens. Mitte Februar 2006 wurde daher ein vollständiger Neubau eingeweiht, der aus der Werkstatt des Orgelbauers Rowan West (Altenahr/Deutschland) hervorging. Sein Schaffen war von Anfang an der Wiederentdeckung historischer Orgelbautraditionen gewidmet – neben norddeutschen Schnitger-Orgeln, die er restaurierte und in ihrem Geist neu schuf, entstanden in seiner Werkstatt auch Instrumente im mitteldeutschen Stil Gottfried Silbermanns, in süddeutscher Tradition und in französischer Manier. Das Linzer Instrument gehört zu den Neubauten im mitteldeutschen Stil und ist für die Interpretation barocker Orgelmusik bestens geeignet. Es verfügt über zwei Manuale (Hauptwerk und Rückpositiv) sowie Pedal und umfasst insgesamt 29 Register. West verwendete in seiner Werkstatt konsequent traditionelle Handwerkstechniken: mechanische Schleifladen, Sandguss und Hammern des Orgelmetalls für die Pfeifen sowie Schwalbenschwanz-Verbindungen im Holzbau. Die Stimmung ist nach Bach-Barnes bei a¹ = 440 Hz angelegt. Neben ihrer gottesdienstlichen Rolle nimmt die Orgel auch im Kulturleben der Landeshauptstadt einen festen Platz ein, nicht zuletzt durch die regelmäßigen Orgelvespern, die dienstags in der Kirche stattfinden.
I. HAUPTWERK | C–g³
Bourdon 16'
Principal 8'
Hohlflöte 8'
Viol di gamba 8'
Unda maris 8'
Octave 4'
Spitzflöte 4'
Salicet 4'
Quinte 3'
Octave 2'
Cornet 3f. [ab gº]
Mixtur 4f.
Fagott 16'
Trompete 8'
Koppel II–I
II. RÜCKPOSITIV | C–g³
Principal 8' [C–H aus Ged. 8']
Gedeckt 8'
Quintade 8'
Octave 4'
Rohrflöte 4'
Nasat 3'
Waldflöte 2'
Octave 2'
Tertia 1 3/5'
Mixtur 3f.
Hautbois 8'
Schalmey 4'
Mutum [= Leerzug]
PEDAL | C–f¹
Violonbass 16'
Subbass 16'
Octavbass 8'
Octave 4'
Mixtur 4f.
Posaune 16'
Trompete 8'
Trompete 4'
Koppel II–P
Koppel I–P
Tremblant fort, Tremblant dous [jeweils aufs ganze Werk].
Mechanische Schleiflade.
Quellen und Literatur: Die protestantische Kirche in Linz, in: Sonntags-Blatt Nr. 32, 09.08.1846, Sp. 254–256 ⋄ Erich Posch, Kirchenmusik an der Martin-Luther-Kirche, in:
Festschrift 150 Jahre Martin-Luther-Kirche 1844–1994, Linz 1994, S. 108–123 ⋄ Eigener Befund.
Nr. 710 | Diese Orgel habe ich am 26.05.2026 im Rahmen der VOD-Tagung in Linz besucht.
© Dr. Gabriel Isenberg | Letzte Änderung: 01.06.2026.
www.orgelsammlung.de
© Dr. Gabriel Isenberg, 2023/26
