Siegen

Kath. Kirche St. Marien

[ehemalige Orgel]

Orgel: Walter Seifert (Köln), 1956.


© Gabriel Isenberg, 20.03.2002
© Gabriel Isenberg, 20.03.2002

Nachdem die alte Siegener Johanneskirche dem Stadtbrand von 1695 zum Opfer gefallen war, begannen die Jesuiten 1702 mit dem Bau der barocken Marienkirche nach Plänen des ordenseigenen Architekten Anton Hülse. Nach Hülses Tod 1712 zog sich der Bau hin und konnte erst 1729 in einfacherer Ausführung abgeschlossen werden. Beim Luftangriff auf Siegen am 16. Dezember 1944 wurde die Kirche bis auf die Grundmauern zerstört, nach Kriegsende allerdings recht schnell wieder aufgebaut.

Die erste Orgel erhielt die Marien­kirche unter Pater Mathias Hall, der bis zu seinem Tod 1734 als Rektor des Jesuitenkollegs in Siegen wirkte. Über das genaue Baujahr und den Orgelbauer gibt es keine Überliefe­rung, möglicherweise handelte es sich aber um ein Instrument des Koblenzer Orgelmachers Bartholomäus Boos. Die Disposition kennen wir aus einer Aufzeichnung von Christian Roetzel (Alpe), der 1825 einen Umbau mit Erweiterung der Klaviaturumfänge und geringfügigen Dispositionsänderungen vornahm.

Bereits 1843 gab es erste Überlegungen zum Bau einer neuen Orgel, die sich aber über viele Jahrzehnte hinzogen. Erst am 15. Juli 1868 konnte der Vertrag zum Orgelneubau mit dem ortsansässigen Orgelbauer Hermann Loos unterzeichnet werden. Jedoch verstarb Loos während der Arbeiten am 15. Juni 1869, und die Fertigstellung übernahm Edmund Fabritius (Kaiserswerth). Das zum Osterfest 1871 fertiggestellte Instrument verfügte über 24 Register auf zwei Manualen und Pedal. Dispositionsänderungen im geringen Umfang nahm Karl Tennstädt (Paderborn) 1900 vor; 1914 erhielt die Orgel ein elektrisches Gebläse.

Die Loos/Fabritius-Orgel hatte knapp 70 Jahre Bestand und wurde 1939 durch einen großen Orgelneubau mit 32 Registern aus der Firma Johannes Klais (Bonn) abgelöst, teilweise unter Verwendung alten Pfeifenmaterials aus der Vorgängerorgel. Die Klais-Orgel ging jedoch nur fünf Jahre später, am 16. Dezember 1944, im Bombenhagel unter.

In der nach dem Krieg wiederhergestellten Kirche baute die Firma Walter Seifert aus Köln-Mannsfeld 1956 eine neue Orgel mit 32 Registern – sie galt damals als die fortschrittlichste katholische Orgel im Siegerland. Bemerkenswert waren unter anderem der fahrbare Spieltisch und die farbige Disposition (mit Koppel Hauptwerk an Positiv!). Der ursprünglich zusammenhängende Freipfeifenprospekt wurde im Zuge der 1973/74 erfolgten Kirchenrenovierung auseinandergezogen, um den Blick auf das dahinterliegende Fenster freizugeben.

Als markantes Zeugnis des deutschen Nachkriegs-Orgelbaus nahm die Orgel zwar eine besondere Stellung in der Siegerländer Orgellandschaft ein, konnte aber zuletzt aufgrund technischer Schwächen nicht mehr bestehen bleiben – eine Renovierung wäre aus wirtschaftlicher Sicht nicht verantwortbar gewesen. Im Jahr 2019 bot sich die Gelegenheit zum Ankauf einer 1997 von der Fa. Siegfried Sauer (Höxter) für St. Christopherus in Hannover-Stöcken erbauten Orgel, die aufgrund der dortigen Kirchenschließung zum Verkauf stand und von der Fa. Sauer & Heinemann 2020 in die Siegener Marienkirche transferiert wurde. Die Orgelweihe fand am 30. August 2020 unter Corona-Bedingungen statt. Das Westfenster wird durch die Sauer-Orgel nun allerdings wieder verdeckt.

I. HAUPTWERK | C–g³

Pommer 16’

Principal 8’

Gemshorn 8’

Oktave 4’

Kleingedackt 4’

Schwegel 2’

Mixtur 4–5f. 1 1/3’

Trompete 8’

Koppel III–I

Koppel II–I

Koppel Sub II–I

II. POSITIV | C–g³

Gedackt 8’

Quintatön 8’

Nachthorn 4’

Principal 2’

Quinte 1 1/3’

Cymbel 3f. 1/2’

Musette 8’

Tremolo Positiv

Koppel III–II

Koppel I–II

III. SCHWELLWERK | C–g³

Praestant 8’

Rohrflöte 8’

Salicional 8’

It. Principal 4’

Blockflöte 4’

Nasard 2 2/3’

Waldflöte 2’

Scharff 4f. 1’

Dulcian 16’

Schalmey 8’

Tremolo Schwell

PEDAL | C–f¹

Principalbass 16’

Subbass 16’

Oktavbass 8’

Gedacktbass 8’

Choralbass 4’

Rauschbass 4f. 2 2/3’

Posaune 16’

Koppel III–P

Koppel II–P

Koppel I–P

Koppel Super II–P


Zwei freie Kombinationen mit Auslöser, Handregister, Tutti und General-Tutti, freie Pedalkombination; Registerabsteller (16' ab, Zungen ab, Einzelabsteller), Crescendowalze mit „Walze ab“, Voltmeter. 

Elektropneumatische Membranlade.


Quellen und Literatur: Orgelakten im Pfarrarchiv St. Marien Siegen ⋄ Hermann J. Busch, Die Orgeln des Kreises Siegen, Berlin 1974, S. 145ff ⋄ Bernhard Burbach, Zur Geschichte des Orgelbaus im Kreis Siegen seit 1973, Examensarbeit, Siegen 1982, S. 108 ⋄ Kirchen des Bezirkes Siegerland-Südsauerland, Paderborn 1961, S. 131–132 ⋄ Frdl. Ausk. Matthias Weißner (Siegen) ⋄ Eigener Befund.

Nr. 153 | Diese Orgel habe ich zum ersten Mal am 20.03.2002 in Vorbereitung auf ein Konzert gespielt.
© Dr. Gabriel Isenberg | Letzte Änderung: 28.01.2026.