Orgel: Carl Hess (Durlach), 1942-48.

Die neogotische Liebfrauenkirche im Mannheimer Stadtteil Jungbusch wurde an der Wende zum 20. Jahrhundert nach Plänen von Johannes Schroth errichtet; die Bauzeit erstreckte sich von 1900 bis 1908, die Weihe erfolgte am 16. Oktober 1905. Als dreischiffige Basilika mit markantem Turm prägt sie das urbane Umfeld des Stadtteils bis heute. In ihrer wechselvollen Geschichte wurde die Kirche mehrfach durch kriegerische Einwirkungen beschädigt; nach dem Zweiten Weltkrieg konnten die Wiederaufbauarbeiten 1952 abgeschlossen werden. Umfangreiche Sanierungsmaßnahmen folgten in den Jahren 2007 bis 2012. Heute ist die Liebfrauenkirche unter anderem Standort der „Jugendkirche Samuel“.
Die erste Orgel wurde 1905 von der Firma Heinrich Voit & Söhne (Karlsruhe-Durlach) geliefert; es handelte sich um ein kleines Interimsinstrument mit zehn Registern aus der Werkstatt Gustav Schlimbach (Speyer). Das zunächst gemietete Instrument konnte 1920 von der Kirchengemeinde käuflich erworben werden. Nach einer Beschädigung infolge der großen Explosion im Stickstoffwerk der BASF in Oppau am 21. Septembers 1921 wurde die Orgel 1923 durch die Firma Voit instand gesetzt.
Als 1941 der Vertrag zum Bau einer neuen großen Orgel mit der Voit-Nachfolgefirma Carl Hess (Karlsruhe-Durlach) geschlossen worden war, verkaufte man die kleine Schlimbach-Orgel nach St. Peter in Ilvesheim.
Die neue Orgel, 1943 in der Werkstatt fertiggestellt, konnte aufgrund der massiven Luftangriffe auf Mannheim zunächst nicht in der Liebfrauenkirche eingebaut werden, sondern wurde teilweise im Schloss des Grafen Friedrich von Oberndorf in Neckarhausen eingelagert. Der noch bei der Firma Hess sowie beim Zulieferbetrieb Laukhuff befindliche Metallpfeifenbestand wurde jedoch bei Bombenangriffen auf beide Werkstätten vollständig zerstört und musste nach Kriegsende neu angefertigt werden. Die Orgel konnte schließlich im Laufe des Jahres 1948 in der teilweise wiederhergestellten Liebfrauenkirche aufgestellt und am 12. Dezember 1948 eingeweiht werden; der großflächige Freipfeifenprospekt entstand nach Entwürfen von Walter Supper.
Eine Instandsetzung der Orgel erfolgte 1974 durch die Firma Ernst Steuer (Bietigheim), weitere Reparaturen nahm 1978 die Firma Vleugels (Hardheim) vor. Mangels kontinuierlicher Pflege seitens der Kirchengemeinde verschlechterte sich der Zustand des Instruments ab den 1990er-Jahren zusehends, sodass sein Erhalt gefährdet war.
Im Rahmen der umfassenden Kirchensanierung wurde die Orgel in den Jahren 2010 bis 2012 durch die Orgelbaufirma Lenter (Sachsenheim) restauriert und weitgehend auf ihren Ursprungszustand zurückgeführt; in diesem Zusammenhang erhielt sie auch eine elektronische Setzeranlage. Die große Hess-Orgel der Liebfrauenkirche gilt heute als bedeutendes Zeugnis der Mannheimer Orgelbaugeschichte des 20. Jahrhunderts.
I. HAUPTWERK | C–g³
Prinzipal 16'
Prinzipal 8'
Bordun 8'
Gemshorn 8'
Dulzflöte 8'
Hohlflöte 4'
Oktav 4'
Quinte 2 2/3'
Oktav 2'
Cornett 8' 3-5 fach
Mixtur 4-6 fach
Tuba 8'
Clarine 4'
III / I
II / I
Super III / I
9 Sub II / I
II. POSITIV | C–g³
Singend Gedeckt 8'
Quintatön 8'
Praestant 4'
Spitzflöte 4'
Prinzipal 2'
Quinte 1 1/3'
Sifflöte 1'
Terz-Cymbel 3 fach
Krummhorn 8'
Singend Regal 4'
Tremulant II
III / II
III. SCHWELLWERK | C–g³
Liebl. Gedackt 16'
Prinzipal 8'
Rohrflöte 8'
Salicional 8'
Unda maris 8'
Weitprinzipal 4'
Blockflöte 4'
Nasard 2 2/3'
Schwiegel 2'
Terz 1 3/5'
Scharff 4-5 fach
Basson 16'
Trompete 8'
Vox humana 8'
Schalmei 4'
Tremulant III
7 Super III
PEDAL | C–f¹
Prinzipalbass 16'
Subbass 16'
Echobass 16' [WA]
Quintbass 10 2/3'
Oktavbass 8'
Gedacktbass 8'
Choralbass 4'
Bassflöte 2'
Hintersatz 4 fach
Bombarde 16'
Posaune 8'
Clairon 4'
III / P
II / P
I / P
Zwei Freie Kombinationen, Crescendowalze (Walze ab, HR ab, Koppeln ab, Anzeige), Zungen ab, Automatisches Pianopedal, Tutti Normal, Tutti General, Elektronische Setzeranlage mit separatem Tableau (Setzer an, Sequenzer).
Hess-Patentlade (Taschenlade), elektrische Spiel- und Registertraktur.
Quellen und Literatur: Michael Gerhard Kaufmann, Orgelgeschichte der katholischen Stadtpfarrkirche Liebfrauen in Mannheim-Jungbusch, in: Acta organologia 34 (2015), S. 339–348 ⋄ Eigener Befund.
Nr. 469 | Diese Orgel habe ich am 16.10.2013 im Rahmen der VOD-Ausbildung zum Orgelsachverständigen besucht.
© Dr. Gabriel Isenberg | Letzte Änderung: 18.12.2025.
www.orgelsammlung.de
© Dr. Gabriel Isenberg, 2023/26
