Osnabrück

Dom St. Petrus

Orgel: Orgelbau Kuhn (Männedorf), 2003.


© Gabriel Isenberg, 25.04.2024
© Gabriel Isenberg, 25.04.2024

Die Geschichte der Osna­brücker Domkirche reicht bis in das Jahr 785 zurück, als rund fünfzehn Jahre nach der Gründung des Bistums durch Karl den Großen mit dem Bau der ersten Kirche be­gonnen wurde. Der heutige St.-Petrus-Dom geht in seinem Kern auf einen spät­romanischen Neubau des 12. Jahrhunderts zurück.

Bereits gegen Ende dieses Jahrhunderts ist im Dom zu Osnabrück eine Orgel nach­weisbar: Zwischen 1178 und 1180 werden ein „rector or­ganorum“ sowie „sufflea­tores“ (Bälgetreter) urkund­lich erwähnt. Auch für das 13. und 14. Jahrhundert ist das Orgelspiel durch Quellen belegt. Der Standort dieser frühen Orgel – 1544 ausdrücklich als „große Orgel“ bezeichnet – befand sich vermutlich oberhalb der alten Marienkapelle, wahrscheinlich an der Südseite des Westwerks der Kirche.

Der erste konkrete Beleg einer Orgelarbeit stammt aus dem Jahr 1415, als die Blasebälge erneuert wurden. Weitere Reparaturen folgten 1443; offenbar handelte es sich dabei bereits um Arbeiten an einem schon älteren Instrument, denn schon zwei Jahre später waren erneut substanzielle Arbeiten erforderlich, die unter der Leitung eines Meisters Robertus ausgeführt wurden. 1522 beschaffte man neue Bälge, und 1540 erscheint in den Kirchenrechnungen ein „Orgelmaiker Johannes“, der gemeinsam mit einem Gesellen im Dom tätig war.

Eine grundlegend neue Orgel erhielt der Dom 1545–47 durch den niederländischen Orgelbauer Georg Slegel aus Zwolle und seine Söhne Cornelius und Michael. Das Werk kostete rund 985 Mark. Aus einem Bericht von 1716 lässt sich die Disposition der Slegel-Orgel rekonstruieren: Die Orgel verfügte über 22 Register auf Oberwerk, Rückpositiv und Pedal. Das reich ausgestattete Äußere war mit Malereien verziert, die der Maler Ganß angefertig hatte. An beiden Seiten waren bemalte Flügel angebracht, und die Prospektpfeifen waren mit Gold und Silber belegt. Bis Ende des 16. Jahrhunderts lag die Pflege des Instruments nachweislich in den Händen der Familie Slegel.

Neben der großen Orgel existierte im Dom auch eine kleinere, deren Anschaffung vermutlich auf eine Stiftung aus dem Jahr 1473 zurückgeht. Sie wurde 1581 durch einen Neubau eines Meisters Franz ersetzt und hatte späteren Berichten zufolge ihren Standort vermutlich gegenüber der Kanzel.

Nach den Wirren des Dreißigjährigen Kriegs war eine größere Reparatur an der großen Orgel erforderlich, die 1647 Albert Pöttker (Pötteken) aus Büren vornahm. Ein umfassender Erweiterungsumbau der Orgel erfolgte 1716/17 durch Christian Vater aus Hannover, einen Schüler Arp Schnitgers.

Im Zuge der ab 1748 erfolgten barocken Umgestaltung des Doms unter Kurfürstbischof Clemens August von Bayern sollte dieser auch eine neue Orgel erhalten, die nun in einem prächtigen, von dem berühmten Münsteraner Architekten Johann Conrad Schlaun entworfenen Barockgehäuse vor die mit Brettern verschlossene Westrosette gesetzt wurde. Das Instrument entstand zwischen 1749 und 1755 durch Heinrich Wilhelm Eckmann aus Quakenbrück und umfasste 40 Stimmen, wobei umfangreiches Pfeifenmaterial aus der Vorgängerorgel übernommen wurde. Die Qualität des Instruments erwies sich jedoch als unzureichend, sodass bereits 1780 ein erneuter Neubau notwendig wurde. Nachdem man dazu mit verschiedenen Orgelbauern Kontakt aufgenommen hatte, erhielt Jakob Courtain aus Emmerich 1784 den Auftrag; die neue Orgel war 1790 vollendet. Mit ihren 40 Registern auf vier Manualen und Pedal zählte sie zu den bedeutendsten Instrumenten Norddeutschlands. Der berühmte Abbé Vogler bezeichnete sie bei einem Besuch als die „beste Orgel Deutschlands“.

Nach Jahren vernachlässigter Pflege führte der Münsteraner Orgelbauer Kersting 1834 eine größere Reparatur durch, bei der offenbar auch Eingriffe in die Disposition vorgenommen wurden. Eine tiefgreifende Zäsur brachte die Domsanierung von 1897: Auf bischöfliche Anordnung wurde die Orgel aus dem Westwerk in den großen Südturm verlegt, um das Rosettenfenster freizulegen. Die Osnabrücker Orgelbauanstalt Gebr. Rohlfing gestaltete das Werk vollständig um, stattete es mit einem schlichten neugotischen Gehäuse aus und richtete es pneumatisch ein. Zudem stellte Rohfling eine kleine Chororgel zur Verfügung, an deren Stelle 1907 ein neues Instrument (II/P, 13 Register) der Firma Gebr. Haupt aus Ostercappeln trat.

Bei einem schweren Bombenangriff auf Osnabrück am 13. September 1944 verbrannten beide Domorgeln vollständig. Nach dem Krieg stellte die Firma Rohlfing ab 1946 eine Notorgel auf, die nach und nach bis 1953 auf 30 Register vergrößert wurde – ein Provisorium, das immerhin mehr als fünfzehn Jahre Bestand hatte.

1963 erhielt der Dom schließlich eine neue große Orgel der Firma Franz Breil aus Dorsten, die am Hochfest Peter und Paul dieses Jahres geweiht wurde. Haupt-, Schwell- und Pedalwerk fanden im großen Südwestturm Platz, das Register Unda maris in einem eigenen Gehäuse mit Klangabstrahlung durch die Arkaden in das südliche Seitenschiff. Rückpositiv, Spanisches Werk und fahrbarer Spieltisch wurden auf der schmalen neoromanischen Westempore untergebracht. Das neobarock konzipierte Instrument mit seinen 68 Registern prägte über vier Jahrzehnte hinweg das liturgische und konzertante Musikleben des Doms. Aufgrund der ungünstigen Klangabstrahlung des größtenteils seitlich im Turmraum aufgestellten Instruments und der durch recht kleine Mensuren und niedrige Winddrücke mangelhaften Klangentfaltung im Raum entschloss man sich im Rahmen der umfassenden Domsanierung um die Jahrtausendwende zum Bau einer neuen Orgel, deren Planung durch den Orgelsachverständigen des Bistums Osnabrück, Franz-Josef Rahe, maßgeblich begleitet wurde. 2003 wurde die Breil-Orgel durch ein Instrument der schweizerischen Firma Orgelbau Kuhn (Männedorf) ersetzt. Einzelne Teile der Vorgängerorgel fanden andernorts Wiederverwendung, darunter das Rückpositiv in St. Marien Nordhorn-Siedlung sowie Haupt- und Schwellwerk in » Maria Frieden in Vechta.

Die am 13. Dezember 2003 geweihte Kuhn-Orgel verfügt über 57 Register auf drei Manualen und Pedal sowie 3.650 Pfeifen. Sie zählt zu den größten und klanglich vielseitigsten Instrumenten des Bistums Osnabrück, ist zugleich jedoch die kleinste Kathedral-Hauptorgel Deutschlands. Ihre Positionierung über dem Hauptportal im Westwerk um die gotische Rosette des 14. Jahrhunderts wurde bewusst gewählt, um das bedeutende Fenster freizuhalten und zugleich eine optimale Klangprojektion in das Langhaus zu gewährleisten. Die bronzenen Schleierbretter des Künstlers Johannes Niemeyer greifen charakteristische Ornamente des Doms auf und unterstreichen die neue gestalterische Einheit der Westfront. Zu diesem Zweck wurde die alte Empore abgebrochen und tiefer eine neue errichtet, die nun die Orgel trägt.

Die Spielanlage befindet sich integriert in der Orgel, mittig über der Orgelrückwand, mit Blickrichtung zum Altar und gläsernem Notenpult. Elektrisch angekoppelt ist ein kleines Turmwerk mit vier Registern, das, auf Kegelladen stehend, im ersten Obergeschoss des Südwestturms untergebracht. Es ist (wahlweise per Schwelltritt III oder II) über eine Schallabsorptionskammer schwellbar und arbeitet mit doppeltem Winddruck (220 mm WS). Besondere klangliche Akzente setzen hier die durchschlagende Clarinette sowie die panflötenartige Flauto mirabilis mit 360°-Zirkularlabium. In ihrer Bauweise und Intonation sind die vier Turmwerk-Register besonders auf die einzigartige Fernwirkung ihres Standorts ausgelegt. In den drei anderen Werken ermöglicht der reiche Bestand an 8'-Registern eine äußerst feine Differenzierung der Äquallage, während die Aliquoten für klassische Trio- und Cantus-firmus-Registrierungen zur Verfügung stehen. Insgesamt bietet die von Rudolf Aebischer meisterhaft ausgeführte Intonation einen nahezu unerschöpflichen Reichtum an Klangmischungen, der – trotz der vergleichsweise geringen Größe der Orgel – den großen Raum der Domkirche akustisch gut ausfüllt.

I. HAUPTWERK | C–a³

Principal 16'
Principal 8'
Doppelflöte 8'
Gedeckt 8'
Viola 8'
Octave 4'
Hohlflöte 4'
Quinte 2 2/3'
Superoctave 2'
Mixtur major [4f.] 2 2/3'
Mixtur minor [3f.] 1 1/3'
Kornett [2–5f.] 8'
Trompete 16'
Trompete 8'

Koppel II–I

Koppel III–I

Koppel III–I sub

II. POSITIV (SW) | C–a³

Lieblich Gedeckt 16'
Geigenprincipal 8'
Rohrflöte 8'
Dulciana 8'
Octave 4'
Flûte douce 4'

Sesquialtera [2f.] 2 2/3'

Flageolet 2'
Larigot 1 1/3'
Mixtur [4f.] 2'
Trompete 8'
Englischhorn 8'
Tremulant

Koppel III–II

III. SCHWELLWERK | C–a³

Salicional 16'
Flûte harmon. 8'
Concertflöte 8'
Viola di Gamba 8'
Vox coelestis 8'
Principal 4'
Traversflöte 4'
Fugara 4'
Nasard 2 2/3'
Flautino 2'
Terz 1 3/5'
Basson 16'
Tuba 8'
Oboe 8'
Vox humana 8'
Clairon 4'
Tremulant

IV. TURMWERK | C–a³

Flauto mirabilis 8'
Stentorgambe 8'

Clarinette 8'
Tuba magna 8'
Tremulant

Koppel TW–I

Koppel TW–II

Koppel TW–III

Koppel TW–P

TW an Schwellwer III od. II

[Anschalter TW]


PEDAL | C–f¹

Untersatz 32'
Principal 16'

Subbass 16'

Violonbass 16'
Octavbass 8'

 

Gedeckt 8'
Violoncello 8'
Choralbass 4'
Rauschpfeife [2f.] 2 2/3'
Posaune 16'

 

Trompete 8'

Koppel I–P

Koppel II–P

Koppel III–P

Koppel III–P super


Elektronische Setzeranlage mit 4 x 500 Kombinationen, Sequenzer, Diskettenlaufwerk, 3 Schlüssel; Registercrescendo (Walze).

Schleiflade mit mechanischer Spieltraktur und elektrischer Registertraktur; Turmwerk mit elektrisch gesteuerter Kegellade.


Quellen und Literatur: Franz Bösken, Musikgeschichte der Stadt Osnabrück, Regensburg 1937, S. 77–119 ⋄ Die Orgel im Dom zu Osnabrück. [Festschrift] Zur Weihe der Orgel [...] am 13. Dezember 2003, Osnabrück 2004 ⋄ Eigener Befund.

 

Nr. 660 | Diese Orgel habe ich zum ersten Mal am 25.04.2024 in Vorbereitung auf ein Orgelkonzert gespielt.

© Dr. Gabriel Isenberg | Letzte Änderung: 16.01.2026.