Orgel: Paul Faust (Schwelm), 1937.

Im Stil der westfälischen Hallenkirchen gebaut, wird die Bauzeit der Netphener Martinikirche in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert. Nach mehreren Konfessionswechseln wurde die Kirche seit 1651 simultan genutzt. In den Jahren 1811 sowie 1856–1859 fanden umfassende Innenrenovierungen statt. Mit dem Bau der katholischen Pfarrkirche endete 1897 das fast 250 Jahre währende Simultaneum; die reformierte Gemeinde wurde alleinige Eigentümerin der alten Martinikirche. Ein Brand zerstörte 1917 den Großteil der Inneneinrichtung. Weitere Renovierungsarbeiten folgten 1967/68.
Die erste Orgel der Martinikirche baute der aus Brilon stammende Orgelbauer Johannes Sommer im Jahr 1693/94. Das im Oktober 1694 fertiggestellte Werk kostete knapp 400 Reichstaler. Die katholische Gemeinde hatte die Orgel für die simultan genutzte Kirche eigenständig angeschafft und nutzte sie bis 1753 auch allein, da den Evangelischen die Verwendung der Orgel von landesherrschaftlicher Seite untersagt war. 1759 fand eine größere Renovierung statt, bei der nicht näher dokumentierte Veränderungen am Instrument vorgenommen wurden. Eine weitere umfangreiche Reparatur führte 1822 Christian Roetzel (Alpe) durch, nach der die Orgel „für die Thauer, und im Ton, eben so gut als eine neue zu achten“ sei.
Im Zuge der großen Kirchenrenovierung Mitte des 19. Jahrhunderts regte die katholische Gemeinde den Bau einer neuen Orgel an, der 1868 von Jacob Vogt aus Korbach ausgeführt wurde. Vogt übernahm dabei das barocke Gehäuse, die Balganlage und einige Register. Bei einem weiteren technischen Neubau im Jahr 1900 durch seinen Sohn Eduard Vogt wurden die 1868 neu gefertigten Teile wiederverwendet; alle älteren Bestandteile einschließlich des barocken Gehäuses wurden entfernt. Die nunmehr 15 Register standen auf pneumatischen Kegelladen.
Der Kirchenbrand von 1917 zerstörte die Orgel vollständig, sodass die Gottesdienste vorerst mit einem Harmonium begleitet werden mussten. 1930 konnte die alte Orgel (Roetzel 1836/37) aus der evangelischen Kirche in Ferndorf erworben werden, aus deren Bestandteilen die Firma E. F. Walcker ein kleines Instrument mit elf Registern errichtete — allerdings nur als Provisorium. Der Orgelbauer Paul Faust (Schwelm) urteilte wenig später: „Die Orgel hätte gar nicht aufgestellt werden dürfen“, und lieferte 1937 ein neues Werk. In dieser pneumatischen Kegelladenorgel, die am 12. Dezember 1937 eingeweiht wurde, sind unter den zehn Registern (zuzüglich Windabschwächung und zweier Transmissionen) noch fünf Register ganz oder teilweise aus der Interimsorgel erhalten; auch brauchbare Teile des Untergehäuses wurden wiederverwendet.
1968 nahm die Firma Emanuel Kemper & Sohn (Lübeck) im Zuge der Kirchenrenovierung neben einer Reinigung und Generalüberholung kleinere Veränderungen vor: Die Intonation wurde geändert und der Prospektverlauf umgestaltet. Ansonsten ist die Orgel bis heute weitgehend in ihrem ursprünglichen Bestand erhalten.
I. HAUPTWERK | C–g³
Holzflöte 8’
Principal 8’
Nachthorn 4’
Schwiegel 2’
Unteroctk. II/I
Oberoctk. II/I
M II/I
II. SCHWELLWERK | C–g³
Salicional 8’
Liebl. Bordun 8’
Prästant 4’
Blockflöte 2’
Mixtur 2–3f.
PEDAL | C–f¹
Subbass 16’
Stillgedeckt 16’ [WA]
Octavbass 8’
Choralbass 4’
P II
P I
Tutti; Pianopedal (PP); Crescendowalze mit „Rolle ab“ und „Handregister ab“ sowie Crescendouhr.
Pneumatische Kegellade.
Quellen und Literatur: Orgelakten im Archiv der ev. Kirchengemeinde Netphen ⋄ Gabriel Isenberg, Orgellandschaft im Wandel. Die Geschichte der Orgeln in den südwestfälischen
Kreisen Olpe und Siegen-Wittgenstein zwischen 1800 und 1945. Ein Beitrag zur Orgelgeschichte Westfalens, Phil. Diss., Dresden 2017, S. 194–198 ⋄ Eigener Befund.
Nr. 275 | Diese Orgel habe ich zum ersten Mal am 29.10.2006 gespielt.
© Dr. Gabriel Isenberg | Letzte Änderung: 06.01.2026.
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© Dr. Gabriel Isenberg, 2023/26
