Schlägl

Stiftskirche St. Mariä Himmelfahrt

Hauptorgel auf der Westempore

Orgel: Andreas Putz (Passau), 1634; umgebaut durch Johann Christoph Egedacher (Salzburg), 1708.


© Gabriel Isenberg, 28.05.2026
© Gabriel Isenberg, 28.05.2026
Das Prämonstratenser-Chorherrenstift Schlägl im oberösterreichischen Mühl­viertel geht auf eine Schenkung des Edlen Kalhoch von Falkenstein zurück, der dem Orden am 9. Juli 1218 seine Stiftung übergab. An der Stelle eines kurzlebigen Zisterzienserklosters – das raue Klima des böhmerwaldnahen Mühlviertels hatte die Mönche zur Aufgabe gezwungen – entfaltete sich fortan ein Prämonstratenserstift, das bis heute in ununterbrochener Folge besteht, abgesehen von der Auflösung durch das nationalsozialistische Re­gime in den Jahren 1941 bis 1945. Die spätromanische Kirche wurde zwi­schen 1242 und 1260 errichtet und im 15. Jahrhundert gotisiert. Nach 1630 erhielt sie unter Propst Martin Grey­sing eine barocke Ausstattung, zu der ab 1635 ein Chorgitter, ab 1640 eine Kanzel sowie das prächtige Chorgestühl und die Altäre mit ihren reichen Holzintarsienarbeiten des 17. und 18. Jahrhunderts gehören. Die dreischiffige gotische Hallenkirche beeindruckt noch heute durch ihre ausgreifende Hochchoranlage, zu der eine monumentale Treppe hinaufführt.
Die Geschichte der Hauptorgel ist untrennbar mit dem Namen des Passauer Orgelbauers Andreas Putz verknüpft, der im Winter 1633/34 das Instrument im Auftrag des Konvents in die Kirche brachte. Zur Primiz des Prämonstratensers Matthäus Ill am Sonntag in der Oktav des Norbertifestes 1634 erklang es erstmals. Putz war ein bedeutender Meister seiner Zeit, dem auch die Orgeln in Lienz sowie wichtige Werke in Innichen und Brixen zu verdanken sind; das Schlägler Instrument ist sein besterhaltenes Werk und gilt als die älteste Orgel Oberösterreichs. Unter den frühen Spielern ragte Christian Erbach hervor, der von 1633 bis 1635 in Diensten des Propstes stand, sowie Georg Kopp, der bis 1637 nachweisbar ist und anschließend als Passauer Domorganist wirkte. Ein Brand im Jahr 1702 beschädigte die Orgel erheblich, was Johann Christoph Egedacher, wahrscheinlich in Zusammenarbeit mit seinem Bruder Johann Ignaz, zum Anlass nahm, das Instrument bei der Wiederinstandsetzung 1708 grundlegend umzugestalten: Die bislang vermutlich an der Hochchorschranke stehende Orgel wurde nun offenbar auf die Westempore versetzt, wo die ehemals getrennten Gehäuse von Hauptwerk und Rückpositiv nun zusammengerückt vereint Platz fanden, und die Stimmtonhöhe wurde auf angehoben.
1803 führte der Orgelbauer Franz Noli aus Pilsen nach einem Brand eine Reparatur durch, bei der er auch neue Bälge fertigte. 1853 war nach abermaligem Brandschaden eine Renovierung durch den Ottensheimer Orgelmacher Josef Breinbauer erforderlich – er baute auch drei neue Register ein. 1904 erweiterte der Urfahraner Hoforgelbauer Johann Lachmayer das Instrument dem Geschmack der Spätromantik entsprechend durch eine pneumatische Zusatzlade, die jedoch schon 1948 wieder entfernt wurde.
Eine erste wegweisende Restaurierung folgte 1960 durch die Schweizer Orgelbaufirma Thomas Kuhn aus Männedorf. Die für österreichische Verhältnisse vorbildliche Maßnahme wurde 1989/90 durch die Orgelmakerij Gebr. Reil aus Heerde (Niederlande) konsequent weitergeführt. Als Richtschnur diente der dokumentierbar rekonstruierbare Zustand des Jahres 1708. Die Restaurierung umfasste den Bau einer neuen Windversorgung mit drei Keilbälgen, neue Trakturen, eine neue Windlade für das Unterpositiv, die Rückplatzierung des im 19. Jahrhundert verstellten Pfeifenwerks, zahlreiche Pfeifenrekonstruktionen sowie die Anlage einer ungleich schwebenden Stimmungstemperatur, die aus dem unverändert erhaltenen alten Pfeifenmaterial abgeleitet werden konnte. Auf eine Rekonstruktion des Brustwerks und der nachweisbaren Flügeltüren musste mangels hinreichender Informationen verzichtet werden. Die sachverständige Betreuung lag bei Rudi van Straten und Rupert Gottfried Frieberger.
Das Instrument besitzt heute zwei Manuale (Hauptwerk und Unterpositiv) sowie Pedal mit insgesamt 21 Registern, mechanische Traktur und – entsprechend den Windladen von Andreas Putz – noch die kurze Oktav im Manual und im Pedal, ergänzt um die vom Egedacher'schen Umbau stammende Positivwindlade. Die Spielanlage befindet sich an der Rückseite der Orgel.

I. POSITIV | C/E–c³

Copula 8'

Principal 4'

Flauta 4'

Octav 2'

Quint 1 1⁄2'

Cimbalum III

 

 

Tremolant [aufs ganze Werk]

II. HAUPTWERK | C/E–c³

Principal 8'

Copl 8'

Octav 4'

Spitzfletten 4'

Quint 3'

Superoctav 2'

Mixtur VII–X

Cymbel II

Pusaundl 8'

PEDAL | C–bº

Principal 16'

Octav 8'

Octav 4'

Mixtur V

Grosspusaun 16'

Octavpusaun 8'


Mechanische Schleiflade.


Quellen und Literatur: u. a. Rupert Gottfried Frieberger, Die Orgeln in der Stiftskirche der Praemonstratenserabtei Schlägl, in: Oberösterreichische Heimatblätter 30 (1976), Heft 1/2, S. 79–89 ⋄ Rupert Gottfried Frieberger (Hg.), Die große Orgel in der Stiftskirche Schlägl. Ihre Geschichte und Wiederherstellung (Musikwissenschaftliche Beiträge der Schlägler Musikseminare 4), Innsbruck 1989 ⋄ Eigener Befund.

 

Nr. 715 | Diese Orgel habe ich am 28.05.2026 im Rahmen der VOD-Arbeitstagung in Linz besucht.

© Dr. Gabriel Isenberg | Letzte Änderung: 06.06.2026.