Orgel: Friedrich Ladegast (Weißenfels), 1862,
erweitert durch Wilhelm Sauer (Frankfurt/Oder), 1902/03, und Hermann Eule (Bautzen), 2004.

Die Geschichte der Stadt- und Pfarrkirche St. Nikolai in Leipzig reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Die ursprünglich romanische Kirche wurde im 15. und 16. Jahrhundert zu einer spätgotischen Hallenkirche erweitert und Ende des 18. Jahrhunderts im klassizistischen Stil umgestaltet.
Bereits 1479 ist eine Orgel belegt, die im südlichen Seitenschiff stand. Eine neue Orgel errichtete Johann Lange aus Kamenz 1597/98; das Instrument umfasste 27 Register auf zwei Manualen und Pedal. Im 17. und 18. Jahrhundert erfolgten zahlreiche Renovierungen, Reparaturen und Erweiterungen (u. a. 1693/94 durch Zacharias Thayßner), sodass die Disposition schließlich auf 36 Register und drei Manuale angewachsen war.
1785/87 ersetzte der Orgelbauer Johann Gottlob Trampeli aus Adorf im Vogtland das Instrument durch einen Neubau mit 48 Registern auf drei Manualen und Pedal. Große Teile der Vorgängerorgel verwendete Trampeli 1795 für einen Neubau in der Moritzkirche Taucha wieder, wo das Werk bis 1911 Bestand hatte.
Die heutige Orgel der Leipziger Nikolaikirche geht auf ein Werk von Friedrich Ladegast (Weißenfels) aus dem Jahr 1862 zurück. Der Auftrag, den Ladegast im März 1857 erhalten hatte, sah zunächst 59 Register vor; ausgeführt wurde jedoch eine Disposition mit 83 Registern auf vier Manualen und Pedal. Zuvor war Ladegast zu Studienzwecken nach Süddeutschland und Frankreich gereist, wo er Anregungen für den Einsatz sog. Barkermaschinen sowie geteilter Windladen (mit Sperrventilen) erhielt. Die Leipziger Nikolaikirchen-Orgel war seinerzeit die größte Orgel des Königreichs Sachsen und zugleich Ladegasts größtes Werk. Bei einem späteren Umbau stattete Ladegast das Instrument 1886 mit weiteren Barkermaschinen aus und senkte die Stimmtonhöhe ab.
1902/03 wurde die Orgel durch die Firma Wilhelm Sauer (Frankfurt/Oder) umgebaut und erweitert. Während der Großteil des Ladegast-Registerbestands erhalten blieb, ersetzte Sauer die mechanischen Schleifladen durch pneumatische Kegelladen; zudem erhielt die Orgel einen neuen Spieltisch, und die Windanlage wurde in das Hauptgehäuse verlegt. Die Veränderungen stießen jedoch bei den Gutachtern auf deutliche Kritik, sodass die Abnahme beinahe verweigert worden wäre. Auch die 1934 von Sauer vorgenommene „Barockisierung“ der Disposition (Austausch von zwölf Registern) führte zu keinem klanglich überzeugenden Ergebnis. Im Zuge einer Renovierung 1986/88 wurden die Trakturen durch den VEB Orgelbau Sauer (Frankfurt/Oder) elektrifiziert.
Auf lange Sicht zeigte sich jedoch, dass eine grundlegende Neukonzeption erforderlich war, da das Instrument durch die Umbauten der vergangenen Jahrzehnte kein homogenes Gesamtbild mehr besaß und in seiner inneren Anlage störanfällig und „verbaut“ war. Den Auftrag zur Grunderneuerung erhielt die Firma Hermann Eule (Bautzen), die die Arbeiten zwischen 2002 und 2004 ausführte. Das Grundgerüst der neuen Orgel bildet die historische Substanz der Ladegast-Orgel samt Gehäuse von 1862. Die ursprüngliche Disposition wurde (teilweise durch Rekonstruktion verlorener Register) wiederhergestellt. Die von Sauer hinzugefügten Register blieben als historisch gewachsener Bestand erhalten, wurden aber in der Intonation den Ladegast-Stimmen angepasst. Ein Großteil dieser Register wurde in das zum Ladegast-Konzept ergänzte fünfte Manualwerk – das vom III. Manual aus spielbare Récit – integriert, das durch weitere Ergänzungen von Eule ein insgesamt sehr stimmiges Gesamtbild ergibt. Die gesamte technische Anlage sowie die innere Raumaufteilung wurden nach dem System mechanischer Schleifladen (unterstützt durch Barkermaschinen) vollständig neu konzipiert. Das rund 2,3 Millionen Euro teure Projekt wurde zu einem wesentlichen Teil durch den Autohersteller Porsche finanziert. Sichtbar wird diese Beteiligung auch an der einzigartigen Gestaltung der Spielanlage, die im typischen Porsche-Design ausgeführt ist.
Die Einweihung der runderneuerten Ladegast-Eule-Orgel fand am Reformationstag 2004 statt. Anlässlich des 20-jährigen Orgeljubiläums wurden 2024 drei bereits 2004 vorgesehene Register nachgerüstet: Vox populi (Hochdruck-Tuba auf II und III), Carillon („Macan“ auf III) und Stahlspiel („Panamera“ auf V). Die Disposition umfasst nun 106 Register auf fünf Manualen und Pedal.
I. HAUPTWERK | C–a³
Bordun 32' [ab cº; L]
Principal 16' [L]
Bordun 16' [L]
Principal 8' [L]
Flaut major 8' [E]
Doppelgedackt 8' [L]
Gemshorn 8' [L]
Gambe 8' [L]
Rohrquinte 5 1/3' [L]
Octave 4' [L]
Rohrflöte 4' [L]
Spitzflöte 4' [L]
Terzflöte 3 1/5' [R]
Quinte 2 2/3' [L]
Septime 2 2/7' [R]
Octave 2' [L]
Terz 1 3/5' [L]
Cornett 3–5f. 2 2/3' [L]
Mixtur 4f. 2' [L]
Cymbel 3f. 2' [L]
Trombone 16' [E]
Trompete 8' [R]
Trompete 4' [E]
Koppel II–I
Koppel III–I
Koppel IV–I
Subkoppel III–I
Superkoppel II–I
II. OBERWERK | C–a³
Principal 16' [ab cº; L]
Quintatön 16' [L]
Principal 8' [L]
Bordunalflöte 8' [L]
Rohrflöte 8' [L]
Quintatön 8' [L]
Fugara 8' [E]
Oktave 4' [L]
Hohlflöte 4' [L]
Gedackt 4' [L]
Spitzquinte 2 2/3' [L]
Octave 2' [L]
Waldflöte 2' [L]
Terz 1 3/5' [L]
Quinte 1 1/3' [E]
Flageolett 1' [E]
Cornett 3f. 5 1/3' [R]
Cymbel 4f. 2' [R]
Basson 16' [E]
Trompete 8' [S]
Vox populi 8' [2024]
Tremulant [regulierbar]
Koppel III–II
Koppel IV–II
III. RÉCIT | C–a³
Stillgedackt 16' [E]
Diapason 8' [S]
Flûte traversière 8' [S]
Viola di Gamba 8' [S]
Aeoline 8' [S]
Voix céleste 8' [ab cº; S]
Flûte octaviante 4' [E]
Octavin 2' [E]
Plein Jeu 4–5f. 2 2/3' [S]
Bombarde 16' [E]
Trompette harm. 8' [E]
Basson-Hautbois 8' [E]
Clairon 4' [E]
Carillon [2024]
Vox populi 8' [Tr. II, 2024]
Tremulant [regulierbar]
Koppel IV–III
IV. BRUSTWERK (SW) | C–a³
Lieblich Gedackt 16' [L]
Geigenprincipal 8' [L]
Flauto Traverso 8' [L]
Doppelflöte 8' [L]
Harmonica 8' [ab cº; L]
Octave 4' [L]
Octavflöte 4' [L]
Piffaro 4' [E]
Rohrquinte 2 2/3' [L]
Piccolo 2' [L]
Scharf 3f. 1 1/3' [L]
Fagott 16' [E]
Oboe 8' [E]
Cor anglais 8' [S]
Tremulant [regulierbar]
Koppel V–IV
V. ECHO (SW) | C–a³
Viola 16' [L]
Sanftflöte 8' [L/E]
Lieblich Gedackt 8' [L]
Viola d’amour 8' [L]
Salicional 8' [L]
Unda maris II 8' [ab cº; L]
Zartflöte 4' [L]
Viola 4' [L]
Nassat 2 2/3' [L]
Violino 2' [L]
Harm. aetherea 3f. 2 2/3' [L]
Aeoline 16' [lingual; E]
Vox humana 8' [S]
Stabspiel [2024]
Tremulant [regulierbar]
PEDAL | C–f¹
Principalbass 32' [L]
Untersatz 32' [S]
Principalbass 16' [L]
Subbass 16' [T]
Violon 16' [L]
Salicet 16' [L]
Terz 12 4/5' [L]
Nasat 10 2/3' [E]
Octavbass 8' [L]
Bassflöte 8' [L]
Violoncello 8' [L]
Nasat 5 1/3' [E]
Octavbass 4' [L]
Cornett 5f. 2 2/3' [L]
Posaunenbass 32' [E]
Posaunenbass 16' [E]
Dulcian 16' [E]
Trompete 8' [E]
Trompete clarino 4' [E]
Koppel V–P
Koppel IV–P
Koppel III–P
Koppel II–P
Koppel I–P
Superkoppel III–P
Registerbestand:
[L] = Friedrich Ladegast 1862
[S] = W. Sauer 1903
[R] = nach Ladegast rekonstruiert (Eule, 2004)
[E] = Eule 2004
[T] = weitgehend aus der Vorgängerorgel von Joh. Gottlob Trampeli (1787)
Feste Kombinationen (P, MF, F, Organo Pleno, Tutti), elektronische Setzeranlage [neu 2024], Crescendowalze, Zungenabsteller, MIDI-/USB-Anschluss, Audiosystem.
Mechanische Schleiflade mit elektrischer Registertraktur.
Quellen und Literatur: Hermann J. Busch (Hg.), Die Nikolaikirche zu Leipzig und ihre Orgel, Leipzig 2004 ⋄ u. v. m.
Nr. 673 | Diese Orgel habe ich am 24.05.2024 im Rahmen der VOD-Tagung in Leipzig besucht.
© Dr. Gabriel Isenberg | Letzte Änderung: 26.05.2024.
www.orgelsammlung.de
© Dr. Gabriel Isenberg, 2023/26
