Orgel: Innocenzo Cavazzani (Avio), 1792.

Die Kirche von Sanzeno, 1973 zur Basilica minor erhoben, ist eine der wichtigsten und ältesten religiösen Stätten des Trentino und des gesamten Tals Val di Non. Als die Heiligen Märtyrer aus Anaunia 397 n. Chr. versuchten, das Tal zu evangelisieren, wurden sie hier ermordet. Auch der Heilige Romedio (7./8. Jahrhundert) fand hier sein Exil.
Der Bau der Basilika – den drei Märtyrern Sisinio, Martirio und Alessandro geweiht – wurde im Jahre 1480 durch den Bischof von Trient, Giovanni Hinderbach, begonnen und von seinen Nachfolgern, Udalrico di Frundsberg und Cristoforo Madruzzo, 1542 abgeschlossen. Die Kirche entstand im Gotik/Renaissance-Stil auf den Überresten eines heidnischen Saturntempels. Die Einrichtung ist gotisch und barock.
Der früheste Hinweis auf die Existenz einer Orgel in der Kirche von Sanzeno findet sich in einer Zahlung an den Organisten im Jahr 1673. Möglicherweise handelte es sich damals nur um ein tragbares Positiv, das in der Kirche genutzt wurde. Für die folgende Zeit fehlen Nachrichten über ein Orgelinstrument; erst 1756 wurde die heutige Empore über dem Haupteingang errichtet. Drei Jahre später, 1759, installierte Giuseppe Weiss (Waiz) aus Senale dort eine gebrauchte Orgel. Das Instrument konnte jedoch nur kurze Zeit überzeugen, sodass bereits 1792 ein Neubau erforderlich wurde. Mit diesem beauftragte man den renommierten Orgelbauer Innocenzo Cavazzani aus Avio. Seine Urheberschaft ist durch ein Chronogramm im Orgelprospekt dokumentiert: „SANCTIS / IN ECCLESIA PATRONIS / EGREGIVM HIC OPVS / POSVIT / ILLVSTRIS INNOCENTIVS / CAVAZZANI“.
Da für das 19. Jahrhundert keine Archivalien zur Orgel überliefert sind, lassen sich mögliche Veränderungen dieses Zeitraums lediglich aus dem erhaltenen Bestand erschließen. Für die Jahre 1803 und 1805 sind zwei kleinere Instandsetzungsarbeiten belegt. Der nächste gesicherte Hinweis betrifft eine Reparatur unbekannten Umfangs im Jahr 1940. In diesem Zusammenhang wurde vermutlich das originale Cornetto durch ein Flauto traverso ersetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt die Orgel durch die Firma Mascioni (Cuvio) ein elektrisches Gebläse. Im Jahr 1972 führte Alfredo Piccinelli (Padova) eine Restaurierung des Instruments durch, bei der der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt wurde.
Das für den traditionellen italienischen Orgelbau ungewöhnliche Gehäuse ist um das Westfenster herum mit zwei höheren Außentürmen angeordnet. Oberhalb der mittig in die Orgelfront integrierten Spielanlage steht – quasi in Form eines Brustwerks mit Flügeltüren verschließbar – die Diskant-Oboe (in singulärer Bauweise mit drei aufeinandergesetzten konischen Messingzylindern). Die Tromboncini bassi (12 oben gekröpfte Pfeifen C, D, E, F, G, A, B, H, cisº, disº, fisº, gisº) stehen hinter einer Klappe links neben der Spielanlage. Die beiden Hebel zum Einschalten dieser Zungenstimmen sind links und rechts oberhalb der Manualklaviatur angebracht. Alle übrigen Registerzüge befinden sich rechts in niedriger Höhe neben der Spielanlage. Rechts neben der Pedalklaviatur sind die zwei Tritte für Tiratutti angebracht (zum Ein- und Ausschalten). Das Tiratutti kann ebenfalls durch eine Handkurbel oberhalb der Registerzüge bedient werden.
Die Trakturen sind vollmechanisch mit hängender Manualtraktur. Die große Oktave im Manual ist kurz (ohne Cis, Dis, Fis und Gis) gebaut. Die Bass/Diskant-Teilung liegt bei d¹/dis¹. Die Pedalklaviatur umfasst die Tasten C bis aº, wobei die letzte den tamburo (die Trommel) bedient; nur die Tasten C bis H sind mit Pedalpfeifen besetzt. Die beiden Züge „Controbassi“ und „Ottava de Controbassi“ werden durch einen Gabelmechanismus immer beide zusammen gezogen. Auf den Tönen C, D, E, F, G, A, B und H erklingen dann jeweils 16’, 8’ und 51/3’ gemeinsam; auf den Tönen Cis, Dis, Fis und Gis nur 16’. Außerdem ist das Pedal ständig ans Manual gekoppelt.
Die große Balanlage befindet sich links neben der Orgel; sie kann auch per Hand bedient werden. Der Winddruck liegt bei 56 mmWS.
RIPIENO | C/E–d³
Principal Basso
Principal Soprano
Ottava
Quinta decima
Decima nona [rep. fis¹]
Vigesima seconda [rep. b¹, b²]
Vigesima sesta [rep. fisº, fis¹]
Vigesima nona [rep. bº, b¹]
Trigesima terza [rep. Fis; bis d¹]
Trigesima sesta [rep. B; bis aº]
CONCERTINO | C/E–d³
Voce uman [ab d¹]
Corneto primo [2f. 4’ 2 2/3’]
Corneta [1 3/5’]
Flauto ottava basso
Flauto ottava soprano
Flauto in qvinta
Flausolè [2’]
Tromboncini bassi
Soprani oboè
PEDALI | C–H (–gisº)
Trombe pedali
Controbassi
Ottave de controbassi
[Quinta de Controbassi]
[fest ans Manual gekoppelt]
Tiratutti; Tamburo [klingend D, Ds, Gs, c, cis, fis].
Mechanische Schleiflade.
Quellen und Literatur: Tarcisio Chini und Luigi Celeghin, Innocenzo Cavazzani e l’organo del Santuario dei SS. Martiri Anauniesi, in: Studi trentini di scienze storiche Bd. 51,
1972, S. 179–203 ⋄ Eigener Befund.
Nr. 393 | Diese Orgel habe ich am 20.10.2010 im Rahmen einer Hochschul-Exkursion gespielt.
© Dr. Gabriel Isenberg | Letzte Änderung: 25.01.2026.
www.orgelsammlung.de
© Dr. Gabriel Isenberg, 2023/26
