Orgel: Anton Fischer (Beckum), 1852–54 (mit älterem Pfeifenmaterial, u. a. von 1633).

In Reiste, einem Ortsteil der hochsauerländischen Gemeinde Eslohe, ist bereits seit dem 12. Jahrhundert eine Kirche bezeugt. Die romanische Kirche wurde 1835 wegen Baufälligkeit geschlossen; über mehrere Jahre diente eine zur Notkirche umgebaute Scheune als Gottesdienstraum. Erst am 14. November 1852 konnte die bis heute erhaltene neugotische Pfarrkirche geweiht werden. In dem nach Plänen des Arnsberger Bauinspektors Friedrich Heinrich Kronenberg errichteten Bau ist ein Großteil des neugotischen Mobiliars aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis heute erhalten.
Die Reister Orgel hat ihren Ursprung in der 1633 für die Klosterkirche Grafschaft gebauten Orgel. Über ihre ursprüngliche Gestalt ist kaum etwas bekannt. Beim Neubau der Grafschafter Klosterkirche in den Jahren 1738 bis 1743 wurde das Instrument in die damalige Reister Kirche umgesetzt und dann 1835 durch Eberhard Kraft (Brilon) in die Notkirche übertragen.
Noch während der Bauphase der neuen Pfarrkirche begann der Reister Lehrer, Küster und Organist Johann Friedrich Nolte (1809–1874) mit den Planungen für eine neue Orgel. Ein erstes Angebot des Beckumer Orgelbauers Anton Fischer aus dem Jahr 1845 sah zunächst lediglich Reparaturen und Ergänzungen des vorhandenen Grafschafter Instruments vor. Nach mehrfacher Überarbeitung der Pläne errichtete Fischer zwischen 1852 und 1854 schließlich ein zweimanualiges Werk, in das sieben Register der Grafschafter Orgel von 1633 sowie sechs weitere Register des 18. Jahrhunderts unbekannter Herkunft integriert wurden. Sämtliche Windladen entstanden neu. Von den vorgesehenen 29 Registern wurden zunächst 24 realisiert. 1858 schuf der Münsteraner Bildhauer Veltmann ein neugotisches Gehäuse, das vor den vorhandenen Prospekt gesetzt wurde.
Über mehr als ein Jahrhundert blieb die Orgel weitgehend unverändert; die ursprünglich fehlenden Register wurden vermutlich nachträglich ergänzt. Lediglich das Weichholzgehäuse litt unter starkem Wurmbefall und wurde bis 1950 teilweise demontiert. Umbauten an der Orgelempore in den 1960er-Jahren führten zu weiteren Eingriffen.
1972/73 nahm die Orgelbauwerkstatt Franz Breil (Dorsten) einen grundlegenden Umbau vor. Der neugotische Prospekt wurde entfernt und durch ein neues Gehäuse ersetzt, das sich (im weitesten Sinne) am barocken Werkprinzip orientierte und die Pfeifenstellung der Orgel von 1633 aufgreifen sollte. Zugleich wurde die gesamte Technik – Spielanlage, Trakturen und Gerüstwerk – mit zeittypischen Materialien erneuert; der Spieltisch rückte mittig vor die Orgel, der Pedalumfang wurde bis f¹ erweitert. Die Einweihung des umgebauten Instruments erfolgte am 12. August 1973.
Obwohl dieser Eingriff damals als „Restauration“ bezeichnet wurde, handelte es sich fachlich eher um einen Neubau unter Verwendung historischer Bauteile. Als Glücksfall erwies sich jedoch die Übernahme des wertvollen historischen Pfeifenwerks und der Windladen. Mit dem Verlust des neugotischen Prospekts ging allerdings ein prägendes Ausstattungsstück der Reister Pfarrkirche unwiederbringlich verloren.
Ab 2007 reiften konkrete Pläne für eine denkmalgerechte Restaurierung und Wiederherstellung der Orgel im historischen Kontext von 1854. Zu diesem Zweck gründete sich 2008 der Verein „Projekt Reister Orgel“. 2015 erhielt die Orgelbauwerkstatt Eule (Bautzen) den Auftrag zur Restaurierung. Auf eine originalgetreue Rekonstruktion des neugotischen Prospekts wurde bewusst verzichtet; stattdessen entstand ein neu entworfener Prospekt in neugotischen Formen, der sich harmonisch in den Kirchenraum einfügt. Die originalen Windladen Anton Fischers wurden restauriert, Erweiterungen von 1973 – insbesondere im Pedal – zurückgebaut und moderne Materialien durch zeitgemäße ersetzt. Das historische Pfeifenwerk wurde umfassend restauriert; die 1973 veränderten gemischten Stimmen konnten anhand von historischen Aufzeichnungen und Pfeifensignaturen rekonstruiert werden.
In Zusammenarbeit mit der Orgelbaufirma analysierte Jörg Kraemer, Orgelbeauftragter des Erzbistums Paderborn, detailliert den Pfeifenbestand. Dabei ließen sich mehrere Schichten unterscheiden: Acht Register enthalten Material der Orgel von 1633, elf Register stammen nachweislich von Anton Fischer (1854), weitere vier Register gehen auf das späte 17. oder 18. Jahrhundert zurück und sind in ihrer Herkunft nicht eindeutig zuzuordnen (auch die erhaltene Vox humana 8' gehört zu dieser Gruppe). Pfeifenmaterial aus dem Umbau von 1973 wurde entfernt und durch Rekonstruktionen in historischer Bauweise ersetzt.
Nach zweieinhalbjähriger Restaurierungszeit begann im Juni 2018 der Wiederaufbau der Orgel; im September desselben Jahres wurde die Intonation abgeschlossen. Die feierliche Einweihung fand am 30. September 2018 in einem Festhochamt mit Dechant Georg Schröder statt. Mit der weitgehenden Wiederherstellung des Zustands von 1854 und der Ergänzung der von Nolte ursprünglich geplanten, jedoch nie realisierten Register erklingt die Reister Orgel heute in jener Gestalt, die ihr geistiger Schöpfer vor über 150 Jahren konzipiert hatte. Sie zählt damit zu den bedeutendsten historischen Orgeln des Sauerlands.
I. POSITIV | C–g³
Hohlflöte 8'
Flauto travers 8'
Salicional 8'
Octav 4'
Superoctav 2'
Duiflöte 4'
Flageolet 2'
Vox humana 8'
Tremulant
II. HAUPTWERK | C–g³
Principal 8'
Bourdon 16'
Gedackt 8'
Gemshorn 8'
Viola di Gamba 8'
Octav 4'
Quinte 2 2/3'
Duesflöte 4'
Octav 2'
Mixtur 4–5f. 2'
Cÿmbel 2f. 1'
Sexquialter
Trompet 8'
Manualcoppel
PEDAL | C–c¹
Violonbass 16'
Subbass 16'
Principalbass 8'
Octavbass 4'
Quintbass 51/3'
Posaunenbass 16
Trompetbass 8'
Clarinetbass 2'
Pedalcoppel HW
Mechanische Schleiflade.
Quellen und Literatur: Die historische Orgel von Anton Fischer in der St.-Pankratius-Kirche Reiste (Festschrift zur Einweihung der restaurierten Orgel am 30. September 2018),
Schmallenberg 2018 ⋄ Gabriel Isenberg / Andreas Plett, Die historische Orgel in St. Pankratius zu Reiste und ihr Erbauer Anton Fischer (1799–1869), in: Ars Organi 68 2/2020, S. 69–78 ⋄
www.projekt-reister-orgel.de ⋄ Eigener Befund.
Nr. 540 | Diese Orgel habe ich zum ersten Mal am 06.04.2019 gespielt; 2020 habe ich an der Orgel eine CD u. a. mit Werken von Chrysologus Heimes eingespielt.
© Dr. Gabriel Isenberg | Letzte Änderung: 24.01.2026.
www.orgelsammlung.de
© Dr. Gabriel Isenberg, 2023/26
