Orgel: Nikolaus Rummel d. Ä. (Linz), 1746.

Das Zisterzienserstift Wilhering, idyllisch an der Donau westlich von Linz in Oberösterreich gelegen, blickt auf eine Gründungsgeschichte zurück, die bis ins Jahr 1146 reicht, als die Brüder Ulrich und Cholo von Wilhering einen Teil ihres väterlichen Erbes für die Errichtung eines Klosters bestimmten, das nach Ulrichs Tod dem Zisterzienserorden übergeben und von Mönchen aus dem steirischen Stift Rein besiedelt wurde. Die heutige Klosterkirche, die nach einer verheerenden Brandkatastrophe von 1733 auf dem Grundriss des Vorgängerbaus neu errichtet wurde, gilt heute als wichtigster Rokoko-Sakralbau Österreichs. Ihre Vollendung erfolgte bis 1751 unter maßgeblicher Beteiligung des Linzer Baumeisters Johann Haslinger, wobei die üppige Stuckdekoration Augsburger Meister verantworteten.
Die Chororgel an der Nordseite des Chorgestühls wurde 1746 von Nikolaus Rummel dem Älteren (1708–1794) errichtet, einem gebürtigen Rothenburger, der nach Linz eingewandert war. Sie entstand als bewusstes Gegenstück zur gegenüberliegenden Kanzel, und das geschwungene, üppig verzierte, steinerne Gehäuse stammt wie dieses von Augsburger Stuckateuren. In der Geschichte des Zisterzienserordens ist die Anlage solcher Kanzelorgeln kein Einzelfall; sie begegnet in ähnlicher Form auch in den Stiftskirchen von Zwettl und Lilienfeld. Über die Wanderjahre Rummels ist wenig bekannt; es wird vermutet, dass er zeitweilig in der Brünner Werkstatt von Franz Anton Richter gearbeitet hat, worauf das Gehäuse seiner Orgel für die Pfarrkirche St. Peter in der Au – heute in St. Georg zu Pürgg – mit seiner stilistischen Verwandtschaft zu böhmischen Vorbildern hindeutet. Die Wilheringer Chororgel mit einem Manual und Pedal verfügt über neun Register auf Schleifladen und besitzt eine mechanische Spiel- und Registertraktur; ihre vergleichsweise hohe Stimmtonhöhe sollte später auch Leopold Breinbauer bei der Konzeption der » Hauptorgel als Ausgangspunkt dienen.
Zu den größten Bewunderern dieses Instruments zählte Anton Bruckner, der bei mehrfachen Sommeraufenthalten im Stift Wilhering an beiden Orgeln musizierte. In der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde das Register Alba 8' entfernt, das man irrtümlich für nicht original hielt; die Restaurierung durch die Schweizer Orgelbau Kuhn AG, die 2016 begann und mit der Einweihung am 20. Mai 2018 ihren Abschluss fand, stellte dieses besondere Holzregister nach eingehender Archivforschung als sehr eng mensurierte Flötenstimme wieder her. Die Dokumentation aller Signaturen im Pfeifenwerk hatte eindeutig belegt, dass die Tuschebeschriftung auf dem Überstock des Registers von der gleichen Hand stammt wie alle originalen Pfeifen und damit Rummel selbst als Urheber gesichert ist; Aktenbelege zeigen zudem, dass Rummel das Holzregister bei Arbeiten an der Orgel im Jahr 1771 anstelle älterer Metallpfeifen eingebaut hatte. Das Register Alba 8' schaltet sich im Manual zusammen mit dem Bordunbass 16' im Pedal ein, ist aber durch einen von Kuhn zusätzlich eingebauten Schalter heute separat abschaltbar. Die Gesamtrestaurierung umfasste die vollständige Revision des Instruments, die teilweise Ausgießung der Windlade sowie den restauratorischen Austausch aller durch Verschleiß oder Wurmfraß nicht mehr funktionsfähigen Bauteile. Die Chororgel der Stiftskirche Wilhering darf als eines der bedeutendsten österreichischen Barockorgeln gelten, ein klingendes Juwel im wohl farbenreichsten Rokokoraum des Landes.
MANUAL | C/E–c³
Principal 8'
Flauta 8'
Octav 4'
Flauta 4'
Quint 3' et Super Octav 2'
Mixtur 1' et 4f.
PEDAL | C/E–aº
Pordun-Bass 16' et Alba 8' *
Octav-Bass 8'
* Alba 8' erklingt im Manual
Alba tacet
Mechanische Schleiflade.
Quellen und Literatur: Ikarus Kaiser, Zur Restaurierung der beiden Orgeln in der Stiftskirche Wilhering, in: Ars Organi 69 (2021), S. 17-23 ⋄ Eigener Befund.
Nr. 713 | Diese Orgel habe ich am 28.05.2026 im Rahmen der VOD-Tagung in Linz besucht.
© Dr. Gabriel Isenberg | Letzte Änderung: 02.06.2026.
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© Dr. Gabriel Isenberg, 2023/26
