Praha-Staré Město (Prager Altstadt)

Teynkirche (kath. Kirche der Jungfrau Maria vor dem Teyn)

Orgel: Heinrich Mundt (Köln/Praha), 1670–73.


© Gabriel Isenberg, 03.08.2009
© Gabriel Isenberg, 03.08.2009

1365 begann der Bau der dreischiffigen gotischen Teynkirche (Týnský chrám), auch bekannt als „Kirche der Jungfrau Maria vor dem Teyn“ (Kostel Panny Marie před Týnem). Die Fertigstellung der markanten Türme erfolgte erst in der zweiten Hälfte des 15. bzw. zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Bereits 1390 entstand in der Bauhütte Peter Parlers das Tympanon über dem Nordportal, das die Leiden Christi darstellt.

Der vom Marktplatz aus gesehen rechte Turm ist geringfügig kräftiger ausgeführt als der linke. In volkstümlicher Überlieferung werden sie „Adam“ (rechts) und „Eva“ (links) genannt. In den Sommermonaten spendet Adam seiner Partnerin Schatten, weshalb Eva im Mittelalter als Lagerraum für leicht verderbliche Lebensmittel diente.

Zur Kirchenausstattung gehören zahlreiche bedeutende Kunstwerke: eine gotische Kanzel, eine am Altar des nördlichen Seitenschiffes befindliche Kalvarienszene aus dem frühen 15. Jahrhundert sowie zwei Sedilien mit um 1400 entstandenen Bildnisköpfen an den Abschlüssen der Seitenschiffe; hinzu kommen das älteste Prager Taufbecken aus Zinn von 1414, ein spätgotischer Steinbaldachin von Matthias Rejsek aus dem Jahr 1493 sowie zahlreiche Holzschnitzereien. Gemälde Karel Škrétas aus den Jahren 1648 bis 1660 schmücken den Hauptaltar und die Seitenaltäre. Rechts vom Hauptaltar befindet sich das Grabmal des dänischen Astronomen Tycho Brahe, der am Hof Kaiser Rudolfs II. wirkte und 1601 verstarb.

Die Orgel der Teynkirche gilt als bedeutendstes Instrument des böhmischen Hochbarock in Prag und als älteste erhaltene Orgel der Stadt. Aufgrund ihres außergewöhnlich hohen Erhaltungsgrads sowie ihrer wegweisenden Restau­rierung durch die Orgelbaufirma Klais (Bonn) zählt sie zu den Orgeldenkmälern von europäischem Rang.

Eine Vorgängerorgel von Albrecht Rudner aus dem Jahr 1573 befand sich im nördlichen Seitenschiff. Mit der Errichtung der neuen Westempore durch den italienischen Architekten Domenik Orsi war der Weg für den Bau einer neuen großen Orgel frei. Im Zuge der Gegenreformation kamen zahlreiche ausländische Künstler und Handwerker nach Böhmen, unter ihnen auch der Orgelbauer Hans Heinrich Mundt, 1632 in Köln am Rhein geboren. Vermutlich ließ er sich nach seinen Wanderjahren in Böhmen nieder und erlernte den Orgelbau in Prag bei Hieronymus Artmann. Vor seinem Hauptwerk in der Teynkirche baute Mundt unter anderem Orgeln für das Zisterzienserkloster Osseg in Nordböhmen und die St.-Thomaskirche auf der Prager Kleinseite, von denen heute jedoch nichts mehr erhalten ist.

Ende September 1670 erhielt Mundt vom Magistrat der Prager Altstadt den Auftrag zum Bau der neuen Orgel. Der Vertrag wurde umgehend geschlossen, und bereits im November begannen die Arbeiten. Innerhalb von drei Jahren war das Instrument vollendet. Das Orgelgehäuse war vermutlich schon vor dem Werk selbst fertiggestellt, wie die Jahreszahl 1671 auf der Rückseite der Wappenkartusche des Rückpositivs belegt. Nach dreieinhalbjähriger Bauzeit wurde die Orgel am 28. April 1673 kollaudiert. Aufgrund einiger Nachbesserungen musste Mundt die Disposition ändern und das Werk neu intonieren; die endgültige Abnahme erfolgte daraufhin am 9. Juni 1673.

Ein Kirchenbrand im Jahr 1676 beschädigte die neue Orgel erheblich, sodass sie drei Jahre lang nicht spielbar war, bevor Heinrich Mundt, der inzwischen Prag verlassen hatte, sie wiederherstellte. Abgesehen von kleineren Reparaturen im 18. Jahrhundert nahm Josef Gartner aus Prag 1823 eine Umstimmung vom tieferen Chorton auf die moderne Kammertonhöhe vor; dabei wurden auch die Pedalmixtur und die Klaviaturen erneuert. Anhaltender Geldmangel erwies sich rückblickend als Glücksfall, weil dadurch tiefgreifende Umbauten oder gar ein Ersatz der Mundt-Orgel im Laufe der Geschichte ausblieben.

Die jahrzehntelange unzureichende Pflege machte Ende des 20. Jahrhunderts eine umfassende Restaurierung erforderlich. Den Auftrag dazu erhielt die Bonner Orgelbaufirma Johannes Klais; unter der Leitung von Hans-Wolfgang Theobald wurden die Arbeiten zwischen 1998 und 2000 durchgeführt. Ziel war die konsequente Rückführung in den Originalzustand. Zugleich setzten die angewandten Restaurierungs­methoden neue Maßstäbe für die tschechische Denkmalpflege, die nach der Zeit des Kommunismus noch nicht dem europäischen Standard entsprach. Abgesehen von der Restaurierung des barocken Orgelgehäuses wurden die Kosten für die eigentliche Restaurierung des Orgelwerks komplett von deutscher Seite getragen.

Das Orgelgehäuse gliedert sich in das Hauptgehäuse mit den Pfeifen des Haupt- und Pedalwerks sowie in das Rückpositivgehäuse, dessen Pfeifen vom zweiten Manual aus angespielt werden. In der Hauptorgel sind die drei größten Mittelfeldpfeifen sowie jeweils die größte Seitenfeldpfeife als stumme, nur halb ausgeführte Vorderseitenpfeifen ohne Rückhälfte gestaltet; ihre Labien sind mit Holz verblendet. Die Spielanlage ist im Fuß des Hauptgehäuses integriert, die Registerzüge befinden sich beidseitig davon. Die Manualkoppel ist als Schiebekoppel ausgeführt. Drei rekonstruierte Keilbälge befinden sich im rechten Turmraum neben der Orgel.

I. HAUPTWERK | C/E–c³

Bourdun Flauta 16'

Principal 8'

Flauta dulcis 8'

Salicional 8'

Quintatöne 8'

Copula major 8'

Octava 4'

Copula minor 4'

Quinta major 3'

Superoctava 2'

Quinta minor 1 1/2'

Sedecima 1'

Mixtura 4–6f.

Cembalo 4f.

[Manualschiebekoppel]

II. RÜCKPOSITIV | C/E–c³

Copula major 8'

Principal 4'

Flauta amabilis 4'

Octava 2'

Quinta 1 1/2'

Quintadecima 9+ [1']

Rauschquint 2f.

Mixtura 3f.

PEDAL | C/E–aº

Subbaß offen 16'

Subbaß gedeckt 16'

Octavbaß 8'

Quintbaß 6'

Superoct.baß 4'

Mixtura 2–4f.

Posaunbaß 8'


Cimbelstern [I], Cimbelstern [II], Calcantenglocke.

Mechanische Schleiflade.


Quellen und Literatur: Hans-Wolfgang Theobald, Die Johann-Heinrich-Mundt-Orgel von 1671-73 in der Teynkirche zu Prag, in: Ars Organi 50, 2002, S. 27–34 ⋄ Eigener Befund.

Nr. 327 | Diese Orgel habe ich am 03.08.2009 im Rahmen der 57. Internationalen Orgeltagung der Gesellschaft der Orgelfreunde in Prag besucht.
© Dr. Gabriel Isenberg | Letzte Änderung: 23.01.2026.