Lübeck

Ev.-luth. St.-Jakobi-Gemeinde – „Distler-Saal“

Orgel: Paul Ott (Göttingen), 1938.


© Gabriel Isenberg, 10.06.2025
© Gabriel Isenberg, 10.06.2025

Auf eine ausgesprochen bewegte Geschichte blickt die „Distler-Orgel“ der evangelisch-lutherischen St.-Jakobi-Gemeinde in Lübeck zurück. Sie ist eng mit dem Komponisten Hugo Distler (1908–1942) und den musikalischen, kirchlichen und politischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts verbunden. Distler, eine der prägenden Persönlichkeiten der kirchenmusikalischen Erneuerungsbewegung der 1930er-Jahre, gilt neben Dietrich Buxtehude (1637–1707) als einer der wichtigsten Musikerpersön­lichkeiten in der Geschichte der Hansestadt. 1931 hatte er das Amt des Organisten an St. Jakobi übernommen. In dieser Zeit entstanden seine Orgelkompositionen sowie ein großer Teil seines vokalen Schaffens.

1937 zog er, um den NS-Repressalien in Lübeck zu entkommen, nach Stuttgart-Vaihingen, wo er sich für seine Wohnung von der Göttinger Orgelbaufirma Ott eine Hausorgel errichten ließ. In der klanglichen Konzeption ist das Instrument an den Plänen des Musiktheoretikers Erich Thienhaus ausgerichtet, während der Gehäuseentwurf von Helmut Bornefeld stammte. Die Orgel entsprach ganz den Reformidealen der Orgelbewegung: steil disponiert, handwerklich sauber ausgeführt (rein mechanische Trakturen) und auf polyphone Transparenz ausgerichtet.

Nur wenig später begann eine Phase häufiger Ortswechsel für das Instrument. Als Distler im Herbst 1940 als Professor für Chorleitung, Tonsatz, Komposition und Orgelspiel an die Berliner Staatliche Hochschule für Musik berufen wurde, zog er mit seiner Familie nach Strausberg bei Berlin, wo die Orgel nun auch ihren Platz fand; die Umsetzung hatte vermutlich Orgelbaumeister Alexander Schuke übernommen. Nach Distlers Suizid am 1. November 1942 wurde die Orgel zunächst dem Reichssender Berlin als Leihgabe überlassen und dann 1943 durch Alexander Schuke in das Brucknerstift St. Florian bei Linz ausgelagert, um sie vor Kriegseinflüssen zu schützen. Distlers Witwe Waltraud (geb. Dickhäuser) war im gleichen Jahr mit den drei Kindern zu Verwandten ins oberbayrische Marquartstein gezogen – und so lag es nahe, dass die ehemalige Hausorgel ihres Mannes nun auch als Instrument in der dort neuerbauten Kirche aufgestellt sollte. Bei der Übertragung dorthin 1944 wurde ein Subbass-16'-Register ergänzt. Diese Wanderbewegungen spiegeln nicht nur die praktischen Notwendigkeiten der Kriegszeit wider, sondern auch den hohen ideellen und musikalischen Wert, den man dem Instrument sowohl in der Familie als auch unter Fachleuten beimaß.

Doch schon kurz nach Kriegsende, 1947, fand die Orgel den Weg zurück in Richtung Norden: Bis 1953 übernahm die Nordwestdeutsche Musikakademie in Detmold das Instrument für Übungszwecke. Der Erbauer selbst, Paul Ott, nahm bei der Übertragung nach Detmold offenbar Dispositionsänderungen vor, um das Instrument den Anforderungen der musikalischen Ausbildung anzupassen. 1953 schließlich erwarb die Firma Paul Ott das Instrument zurück und setzte es im Jahr darauf als Interimsorgel in der St.-Jakobi-Kirche in Hildesheim ein.

1957 erwarb dann die Evangelisch-Lutherische Kirche in Lübeck das Instrument. Noch im selben Jahr wurde es in der St.-Jürgen-Kapelle in Lübeck aufgestellt, wobei sowohl die Disposition als auch das Gehäuse Veränderungen erfuhren, um den neuen räumlichen Gegebenheiten gerecht zu werden. Mit dem Bau einer neuen Orgel für die St.-Jürgen-Kapelle (durch Hinrich Otto Paschen) 1976 wurde die Distler-Hausorgel dort nicht mehr gebraucht und fand schließlich (nach zwischenzeitlicher Einlagerung in der Orgelbauwerkstatt Kemper und verschiedentlich diskutierten Zukunftsszenarien für das Instrument) 1978 den Weg in die Lübecker St.-Jakobi-Kirche, wo sie im Südschiff aufgestellt wurde. 

1992 erfolgte eine erste umfassende Restaurierung durch die Berliner Orgelbauwerkstatt Karl Schuke, wonach die Orgel ihre Aufstellung an ihrem heutigen Standort, im „Distler-Saal“ in dem der St.-Jakobi-Kirche gegenüberliegenden Gemeindehaus, fand. Eine weitere Überarbeitung und Restaurierung nahm der auf historische Orgelbautechniken spezialisierte Orgelbaumeister Reinalt Klein (Lübeck) zusammen mit der Restauratorin Stephanie Schipper im Jahr 2012 vor. Mit einer musikalischen Festwoche vom 28. Oktober bis 1. November 2012 feierte die Gemeinde den Abschluss der Arbeiten. 

Heute steht die Distler-Orgel in St. Jakobi nicht nur als klingendes Zeugnis der Orgelbewegung in Lübeck, sondern auch als lebendiges Erinnerungsstück an Hugo Distler und an ein Instrument, dessen Geschichte ebenso vielschichtig ist wie sein Klang. Und natürlich klingt auf dem kräftig intonierten Instrument die etwas „schroffe“ Musik Distlers besonders authentisch. 

I. HAUPTWERK | C–d³

Gedackt 8'
Prinzipal 4'

Waldflöte 2'
Nasat 2 2/3'
Scharf 3–4f.

Manualkoppel

II. OBERWERK | C–d³

Ged. Pommer 8' [Zusatzlade, ca. 1950]
Holzregal 8'
Gedacktflöte 4'
Prinzipal 2'

Sifflöte 1'

Quinte 1 1/3'
Terz 1f. [1 3/5' rep.]
Tremulant O. W.

PEDAL | C–f¹

Dulzian 16'
Gedackt 8'
Rohrflöte 4'
Rauschpfeife 2f. [2 2/3' + 2']

Pedalkoppel I

Pedalkoppel II


Mechanische Schleiflade.


Quellen und Literatur (Auswahl): Erich Thienhaus, Eine neue Hausorgel, in: Musik und Kirche 11 (1939), S. 49–52 ⋄ Dietrich Wölfel, Die Hausorgel von Hugo Distler. Die Chronik einer Odyssee und ihre zeitgeschichtlichen Hintergründe, Lübeck 2008 ⋄ Eigener Befund.

Nr. 697 | Diese Orgel habe ich am 10.06.2025 im Rahmen der VOD/BDO-Tagung in Lübeck besucht.
© Dr. Gabriel Isenberg | Letzte Änderung: 15.12.2025.