Mainz-Bretzenheim

Kath. Kirche St. Bernhard

Orgel: Aristide Cavaillé-Coll (Paris), 1877, seit 1999 in St. Bernhard.


© Gabriel Isenberg, 01.10.2025
© Gabriel Isenberg, 01.10.2025

Im 1973 errichteten Gemeindezentrum des Mainzer Stadtteils Bretzenheim befand sich zunächst eine kleine Kapelle. Diese wurde 1992 durch eine moderne Kirche ersetzt, die nach Plänen des Architekturbüros Grüneberg und Partner entstand und am 10. Oktober 1992 geweiht wurde.

Ein besonderes Kleinod dieser Kirche ist ihre Orgel: ein zweimanualiges Instrument des berühmten französischen Orgelbauers Aristide Cavaillé-Coll (1811–1899), erbaut 1876/77. Das spätbarocke Gehäuse aus massiver Eiche, das einer älteren Orgel aus dem 18. Jahrhundert entstammte, wurde von Cavaillé-Coll wiederverwendet – für ihn eine durchaus gängige Praxis. Der fünfteilige Prospekt wird von drei Rundtürmen geprägt, die durch zwei Flachfelder verbunden sind. Das mechanische Schleifladeninstrument verfügt über elf Register auf zwei Manualen; die Pedaldisposition wird aus vier Transmissionen gebildet.

Ursprünglich für die Pariser Pfarrgemeinde Saint-Ferdinand-des-Ternes et Sainte-Thérèse-de-l’Enfant-Jésus im 17. Arrondissement bestimmt, nahm Cavaillé-Coll die Orgel nach ihrer Fertigstellung als Ausstellungs- und Testinstrument in seine Werkstatt zurück, wo sie zur Demonstration neuer technischer Entwicklungen diente; der Gemeinde stellte er stattdessen ein größeres Instrument zur Verfügung. Umbauten an der Orgel erfolgten durch den Erbauer bis etwa 1890/92. Im Jahr 1912 erwarb Cécile Comte, Tochter des elsässischen Metallfabrikanten Jakob Holtzer, das Instrument von Cavaillé-Colls Nachfolger Charles Mutin. Bis 1951 stand die Orgel im Pariser Stadtpalais der Familie Comte, ehe sie dem Oratoire du Louvre, der größten lutherischen Kirche von Paris, überlassen wurde. 1971 gelangte sie nach Suresnes bei Paris, wo sie bis 1997 in der dortigen evangelisch-lutherischen Kirche erklang.

Trotz ihres über rund 120 Jahre hinweg weitgehend originalen Zustands hinterließen Zeit und unsachgemäße Eingriffe deutliche Spuren: Mechanik und Windversorgung befanden sich schließlich in einem desolaten Zustand, sodass die Orgel nicht mehr spielbar war. Da eine fachgerechte Restaurierung das Budget der Gemeinde in Suresnes überstieg, wurden mit Unterstützung des Orgelbauers François Delangue und des Pariser Titularorganisten Frédéric Denis Kontakte zur Pfarrgemeinde St. Bernhard in Bretzenheim sowie zum Eigentümer Patrice Comte, dem Urenkel Cécile Comtes, geknüpft. Diese Verhandlungen führten 1998 zum Erwerb des Instruments durch die Gemeinde St. Bernhard.

Die umfassende Restaurierung übernahmen die Orgelbaufirmen Claude Berger (Technik und Gehäuse) und Jean-Pierre Swiderski (Pfeifenwerk). Im 100. Todesjahr Aristide Cavaillé-Colls wurde die Orgel am 17. Dezember 1999 von Generalvikar Prälat Dr. Werner Guballa in einem Festgottesdienst geweiht. Seitdem fanden regelmäßig hochkarätige Orgelkonzerte sowie CD-Einspielungen mit international renommierten Interpreten in St. Bernhard statt.

Die Cavaillé-Coll-Orgel gilt als absolute Rarität in Deutschland: Sie ist bislang das einzige originale Instrument dieses bedeutenden Orgelbauers auf deutschem Boden. Dank regelmäßiger Wartung durch die Orgelbaufirma Goll (Luzern), die im August 2009 auch eine Generalüberholung vornahm, versieht sie zuverlässig ihren Dienst in Liturgie und Konzertbetrieb. In jüngerer Zeit traten erneut gravierende Schäden an Windladen, Blasebälgen und Mechanik auf, die die stabile Luftversorgung gefährdeten. Nach zwischenzeitlichen Überlegungen, die Orgel zu veräußern und stattdessen ein kostengünstigeres gebrauchtes englisches Instrument zu erwerben, konnte dank eines erfreulich hohen Spendenaufkommens schließlich die Finanzierung einer umfassenden Sanierung der Cavaillé-Coll-Orgel und damit ihr dauerhafter Erhalt am Standort gesichert werden. Die von der Firma Goll (Luzern) ausgeführten Arbeiten wurden im August 2025 abgeschlossen.

I. GRAND ORGUE | C–g³

Bourdon 16'

Montre 8'

Flûte harmon. 8'

Prestant 4'

Copula au G.O.: Réc. uni

Copula au G.O.: Réc. Oct. grave

II. RÉCIT EXPRESSIF | C–g³

Cor de nuit 8'

Viole de Gambe 8'

Voix céleste 8'

Flûte octav. 4'

Plein jeu 4 rangs

Trompette harmonique 8'

Basson Hautbois 8'

Trémolo [als Tritt T]

PÉDALE | C–f¹

Soubasse 16' [Tr. I Bourdon]

Bourdon 8' [Tr. II Cor de nuit]

Basse 8' [Tr. I Flûte harm.]

Violoncelle 8' [Tr. II Viole d. G.]

Tirasse G.O.

Tirasse Récit


Appel d'anches / Renvoi les anches [als Tritte A, R]

Mechanische Schleiflade.


Quellen und Literatur: Flyer „Die Cavaillé-Coll-Orgel der kath. Kirche St. Bernhard in Mainz-Bretzenheim“ ⋄ Frdl. Mitteilung Pfr. Markus Kölzer, 01.10.2025 ⋄ Eigener Befund.

Nr. 705 | Diese Orgel habe ich am 01.10.2025 besucht.
© Dr. Gabriel Isenberg | Letzte Änderung: 19.12.2025.