Orgel: Gebr. Mauracher (Linz), 1929.

Die Pfarrkirche zur Heiligen Familie (auch „Familienkirche" genannt) an der Kreuzung von Bürgerstraße und Dinghoferstraße im Bezirk Innere Stadt ist die zweitgrößte Kirche der
oberösterreichischen Landeshauptstadt. Der nach Plänen des Dombaumeister Matthäus Schlager errichtete Bau wurde am 31. Oktober 1912 eingeweiht.
Bereits kurz nach der Fertigstellung des Presbyteriums im Dezember 1907 behalf man sich 1908 mit einem Provisorium: Die alte Orgel des Orgelbauers Reppe aus der Pfarrkirche von Haag am Hausruck
wurde in die damalige Notkirche übertragen und versah dort ihren Dienst, bis die eigentliche Kirche fertiggestellt und ein repräsentatives Instrument in Auftrag gegeben werden konnte. Dieses
Provisorium hielt rund zwei Jahrzehnte – Zeit genug, um einen der bedeutendsten österreichischen Orgelbaubetriebe der Zeit als Erbauer zu gewinnen.
Die Firma Gebr. Mauracher, die in einer langen Orgelbautradition aus dem Zillertal stand, hatte sich unter ihrem Begründer Josef Mauracher (1845–1907) in St. Florian bei Linz niedergelassen und
dort den Titel eines k. u. k. Hoforgelbauers erworben. Josefs Söhne Matthäus III. und Anton führten den Betrieb unter dem Namen „Orgelbauanstalt Gebrüder Mauracher" weiter, verlegten die
Werkstatt Mitte der 1920er Jahre nach Linz – in unmittelbarer Nähe des Mariendoms – und blieben bis zur Auflösung der Firma Ende 1955 im oberösterreichischen Orgelbauleben eine prägende Kraft.
1929 lieferten sie für die Familienkirche ein Werk ab, das im Erbauungsjahr das größte Orgelwerk in ganz Linz darstellte: über 3.000 Pfeifen, verteilt auf drei Manuale und Pedal mit 44 klingenden
Registern (zuzüglich einer Extension) und insgesamt 60 Pfeifenreihen. Das Instrument ist auf Kegelladen gebaut und mit pneumatischer Spiel- und Registertraktur ausgestattet – ganz im Geist der
österreichisch-romantischen Orgelkultur der Zwischenkriegszeit. Der Spieltisch steht frei vor der Orgel mit Blickrichtung des Organisten zum Altar. Die eingeschalteten Register werden mit dem
sog. Indikator angezeigt, d. h. kleine Tafeln mit dem jeweiligen Registernamen, die in einer Sichtfensterleiste an der Oberkante des Spieltischs (unterhalb des Notenpults) erscheinen – von
Bedeutung ist diese Einrichtung vor allem für die Kombinationen.
Das Instrument hat die Jahrzehnte ohne nenneswerte Veränderungen überdauert. 2002 setzte die Firma Windtner aus St. Florian das Instrument vor allem technisch instand. 2023 übernahm die
renommierte Schweizer Orgelbaufirma Kuhn (Männedorf) eine grundlegende Revision und Nachintonation; die Arbeiten umfassten neben der technischen Instandsetzung der Pneumatik auch die
Stabilisierung des Gehäuses, die Entfernung von Schaumgummi an den Schwellerlamellen und eine gründliche Nachintonation mit Schwerpunkt auf den Zungenregistern, betreut von Intonateur Gunter
Böhme und Mario d'Amico. Die Mauracher-Orgel der „Familienkirche“ darf damit als eines der historisch bedeutsamsten erhaltenen Zeugnisse des österreichischen Orgelbaus der Zwischenkriegszeit
gelten.
I. MANUAL | C–g³
Gross-Gedackt 16'
Prinzipal 8'
Dolce 8'
Gamba 8'
Doppelflöte 8'
Oktav 4'
Flöte 4' [Schalter unten rechts]
Doublette 2'
Nasard 2 2/3'
Kornett [5f.] 8'
Mixtur [5f.] 2'
Trompete 8'
Manual-Koppel III–I
Manual-Koppel II–I
Sup.-Okt.-Koppel III–I
Sup.-Okt.-Koppel II–I
Sub-Okt.-Koppel III–I
Sub-Okt.-Koppel II–I
II. MANUAL | C–g³
Geigen-Principal 8'
Salicional 8'
Philomela 8'
Lieblich Gedackt 8'
Prästant 4'
Rohr-Flöte 4'
Waldflöte 2'
Quint-Flöte 2 2/3'
Cymbel [3f.] 2 2/3'
Clarinette 8'
Manual-Koppel III–II
III. SCHWELLWERK | C–g³
Quintatön 16'
Flöten-Principal 8'
Nacht-Horn 8'
Viola baritona 8'
Aeoline 8'
Vox Coelestis 8'
Fugara 4'
Spitz-Flöte 4'
Flageolet 2'
Scharf [3f.] 2'
Sesquialtera [2f.] 2 2/3'
Fagott Oboe 8'
PEDAL | C–g¹
Principal-Bass 16 '
Subbass 16'
Violon-Bass 16'
Harmon. Bass 16'
Oktav-Bass 8'
Cello 8'
Bass-Flöte 8'
Oktav 4'
Mixtur [4f.] 5 1/3'
Quintbass 10 2/3'
Posaune 16'
Pedal-Koppel III
Pedal-Koppel II
Pedal-Koppel I
Pedalumschaltung (Subbass 16', Violon-Bass 16', Harmon. Bass. 16', Cello 8', Bass-Flöte 8', Oktav 4', Pedal-Koppel II, Pedal-Koppel I);
Piano Pedal ein, Zungen ab, Zungen-Chor, Streicher-Chor;
Druckknöpfe (jew. mit Auslöser): Leerlauf I. Manual, Koppeln ab, Handreg. ein, Feste Komb. (PP, P, MF, F, FF, Pleno organo), zwei Freie Komb.;
Crescendowalze;
Auslöser werkweise; Indikator.
Elektropneumatische Kegellade.
Quellen und Literatur: Orgelbau Kuhn ⋄ Aushänge zur Orgelgeschichte an der Orgel ⋄ Eigener Befund.
Nr. 709 | Diese Orgel habe ich am 26.05.2026 im Rahmen der VOD-Tagung in Linz besucht.
© Dr. Gabriel Isenberg | Letzte Änderung: 02.06.2026.
www.orgelsammlung.de
© Dr. Gabriel Isenberg, 2023/26
