Prag (Praha-Hradčany)

St.-Veits-Dom – alte Hauptorgel im Nordchor

Orgel: Josef Melzer (Kutná Hora), 1929–31.


© Gabriel Isenberg, 03.08.2009
© Gabriel Isenberg, 03.08.2009

Die Baugeschichte des Prager Veitsdoms auf dem Hradschin reicht bis ins 10. Jahrhundert zurück. Die heutige Gestalt der Kathedrale geht auf das Jahr 1344 zurück, als Prag zum Erzbistum erhoben wurde und Kaiser Karl IV. den Neubau eines repräsentativen Doms in Auftrag gab. Die Leitung des gotischen Neubaus übernahm zunächst der aus Frankreich stammende Baumeister Matthias von Arras. Nach dessen Tod im Jahr 1352 führte Peter Parler aus Schwäbisch Gmünd die Arbeiten fort, im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts unterstützt durch seine Söhne Wenzel und Johann Parler. Bis zum Ausbruch der Hussitenkriege im Jahr 1420 waren der Chor sowie der Unterbau des Hauptturms vollendet. Der Veitsdom diente fortan als Krönungskirche der böhmischen Könige und als Grablege der Herrscher. Nach einer längeren Bauunterbrechung im 15. Jahrhundert erfolgte die endgültige Fertigstellung erst 1929 unter der Leitung von Kamil Hilbert. Der Weiterbau orientierte sich am neogotischen Stil und schuf eine monumentale Westfassade, die die ursprünglich südliche Ausrichtung der Kathedrale relativiert. Der Hauptturm blieb jedoch unvollendet.

Die Orgelempore wurde in den Jahren 1557–61 von Bonifác Wohlmut als westlicher Abschluss des Kirchenraums errichtet. Zeitgleich mit der Empore entstand die sogenannte Kaiserorgel. An Planung und Bau waren zwischen 1553 und 1567 mehrere Orgelbauer beteiligt: Friedrich Pfannmüller aus Hirschau, Georg Ebert aus Ravensburg, Jonas Scherer aus Klosterneuburg sowie Jáchym Rudner aus České Budějovice. Das Orgelgehäuse fertigte Hans Sauerloch, die farbliche Fassung übernahm Francesco de Terzio. Die Orgel verfügte vermutlich über drei Manuale, Pedal und etwa 40 Register.

Beim preußischen Artilleriebeschuss der Prager Burg im Jahr 1757 wurde die Orgel zerstört. Am ursprünglichen Standort, im zweiten Geschoss der Wohlmut-Empore, errichtete daraufhin der Prager Orgelbauer Josef Gartner 1765 eine neue Orgel mit mechanischer Traktur, ebenfalls mit drei Manualen und Pedal.

Im Zuge der Vollendung des Doms zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Empore an die Nordseite der Kirche verlegt. In diesem Zusammenhang begann 1909 die Demontage der Gartner-Orgel. Zwar wurde das barocke Gehäuse wieder auf der zweiten (oberen) Empore aufgestellt, das Orgelwerk selbst war jedoch nicht mehr spielbar. Stattdessen entstand eine neue Orgel auf der ersten (unteren) Empore, erbaut von Josef Melzer (Mölzer) in Kutná Hora. Das Instrument besitzt pneumatische Trakturen und umfasst 58 Register auf drei Manualen und Pedal mit insgesamt 4.475 Pfeifen. Die Disposition entwarf Prof. Antonín Janda; ein von Bedřich Wiedermann konzipierter Großentwurf mit 229 Registern kam hingegen nicht zur Ausführung. Für die Idee einer Gegenorgel auf der Südseite sind jedoch im Spieltisch bereits Registerwippen vorgesehen.

In den Jahren 1970–72 führte die Orgelbaugenossenschaft IGRA eine Renovierung durch. Nachdem das Instrument zuletzt kaum noch spielbar war, entschied man sich 1997 für eine umfassende Restaurierung und Rückführung auf den Originalzustand. Diese Arbeiten wurden von der Orgelbauwerkstatt Kánský und Brachtl in Krnov in den Jahren 1999 bis 2001 ausgeführt. Die feierliche Wiedereinweihung der restaurierten Melzer-Orgel fand am 30. März 2001 statt.

Der Spieltisch steht frei auf der ersten Empore vor dem großzügig dimensionierten Orgelgehäuse mit Blick in das Kirchenschiff. Die Registerwippen sind halbkreisförmig in zwei Reihen um die Manuale angeordnet. Rechts neben dem Spieltisch befindet sich eine großformatige Schalttafel für die freien Kombinationen. Crescendowalze, Schwelltritte sowie vier Pistons für feste Kombinationen stehen für die Fußbedienung zur Verfügung, während sämtliche weiteren Spielhilfen über die Registerwippen gesteuert werden. Die Manualwerke sind jeweils bis g⁴ für die Superoktavkoppeln ausgebaut.

Die Melzer-Orgel ist mit ihren 58 Registern für den großen Raum recht klein dimensioniert und klanglich eher zurückhaltend. So gab es schon lange den Wunsch nach einer größeren Domorgel. 2017 erhielt die Orgelbauwerkstatt von Gerhard Grenzing im spanischen El Papiol den Auftrag zum Bau einer neuen Großorgel, die mit 110 Register auf vier Manualen und Pedal ausgestattet ist und auf dem Chor über dem westlichen Eingang des Doms positioniert ist – der Blick auf die große Fensterrosette ist frei gelassen, das moderne Design des Orgelprospekts entwarf Peter Olah, der vor allem durch seine Arbeit für den Autohersteller Škoda bekannt ist. Aus verschiedenen Gründen verzögerte sich die Aufstellung der bereits 2019 in der spanischen Werkstatt aufgestellten Orgel erheblich – die Fertigstellung und Einweihung ist für Sommer 2026 anvisiert.

I. MANUAL | C–g³

Bourdon 16’

Principál 8’

Oktáva 8’

Viola 8’

Roh 8’

Dolce 8’

Flét. duta 8’

Flét. jemn. 8’

Kryt hr. 8’

Tromba 8’

Clairon 4’

Préstant 4’

Flét. rour 4’

Kvint. šust 2 2/3’

Mixtura 2 2/3’

Manuálová II-I
Manuálová II-I-16
Manuálová II-I-4’
Manuálová III-I
Manuálová III-I 16
Manuálová III-I 4’
Oktávová I-16
Oktávová I-4’

II. MANUAL | C–g³

Diaposon 8’ [sic]

Violon 8’

Kryt dvoj 8’

Portunál 8’

Amabilis 8’

Tibia 8’

Salicional 8’

Salicet 16’

Principál 16’

Dulciana 8’

Roh franc 8’

Aeolus 8’

Copula 4’

Fugara 4’

Kvinta 4 2/3’

Kvinta 2 2/3’

Picola 2’

Tercie 1 3/5’

Mixtura 2 2/3’

Tremolo II

Manuálová III-II
Manuálová III-II-16
Manuálová III-II-4’
Oktávová II-16
Oktávová II-4’

III. MANUAL (SW) | C–g³

Kvintaton 16’

Principál 8’

Princ flét 8’

Gamba 8’

Aeolina 8’

Voix celest 8’

Roh lesní 8’

Kryt jemn 8’

Flét. solo 8’

Klarinet 8’

Hoboe 8’

Violino 4’

Flétna travers 4’

Oktáva 4’

Kvinta 2 2/3’

Flageolet 2’

Tercie 1 3/5’

Tremolo III

Oktávová III-16
Oktávová III-4’
Pedálová III [P auf III]

PEDAL | C–g¹

Bombard 16’

Violon bas 16’

Subbas 16’

Kryt tichý 16’

Bas flét. 8’

Bas oktav 8’

Čello 8’

Pedálová I
Pedálová II
Pedálová III
Pedálová 4’


5 freie Kombinationen, feste Kombinationen (als Tritte: F, FF, Pléno, Tuti), Crescendowalze, Pianopedal I und II, Absteller (Zungen, 16', Register), Generální [Generalkoppel]

Elektropneumatische Kegellade.

 

Vorhandene Registerwippen für die nicht realisierte Gegenorgel (II+P/30):

A. Manual C – g³

Bourdon 16’

Flét. dvoj 4’

Fléta Gotická

Viol flétn

Principál 8’

Kryt hrubý 8’

Fléta basová 8’

Jubal Bifa 8’

Kvintaton 8’

Solocornet 8’

Mixtura 22/3’

Gr. Aeolus 8’

Vox angeli 8’

B. Manual C – g³

Principál 16’

Diapason 8’

Violoncello 8’

Kryt dvoj 8’

Bifara 8’

Philomela 8’

Euphona 4’

Préstant 4’

Fournitura 22/3’

Gr. mixtura 51/3’

Polnice 8’

Šalmaj 8’

C. Manual C – g³

[Sammelzüge]

Solový [Solostimmen]

Altový [Alt]

Houslový [Streicher]

Cimbálový [Cimbeln]

Flétnový [Flöten]

Dechový [Bläser]

Krytový [Gedackte]

Basový [Bass]

Pedal C – g¹

Gr. bourdon 32’

Kontrabas 16’

Subbas 16’

Krytý bas 8’

Violo bas 8’


Tremolo B

Pleno ABC

Vyp[ínač] Rejst. taž ABC [Registerabst. ABC]

 

Übersetzung der tschechischen Registerbezeichnungen:

Flét(n)a = Flöte

Fléta basová = Bassflöte

Fléta dutá = Hohlflöte

Fléta dvojitá = Doppelflöte

Fléta jemná = Zartflöte

Fléta rourková = Rohrflöte

Kryt = Gedackt

Kryt dvojitý = Doppelgedackt

Kryt hrubý = Grobgedackt

Kryt jemný = Zartgedackt

Kryt tichý = Stillgedackt

Krytý bas = Gedacktbass

Kvinta šustiva = Rauschquinte

Polnice = Feldtrompete

 

Roh = Horn

Roh francouzský = Frenchhorn

Roh lesní = Waldhorn



Quellen und Literatur: Programmheft der 57. Internationalen Orgeltagung der GdO 2009 ⋄ www.svatovitskevarhany.com [22.01.2026] ⋄ Eigener Befund.

Nr. 325 | Diese Orgel habe ich am 03.08.2009 im Rahmen der 57. Internationalen Orgeltagung der Gesellschaft der Orgelfreunde in Prag besucht.
© Dr. Gabriel Isenberg | Letzte Änderung: 22.01.2026.