Orgel: Orgelbau D. A. Flentrop (Zaandam), 1967.

St. Marien zählt als evangelisch-lutherische Pfarr- und Marktkirche im Herzen Osnabrücks zu den kunsthistorisch bedeutendsten Baudenkmälern der Stadt. Ihre Geschichte reicht bis ins 11. Jahrhundert zurück, als auf den Fundamenten eines älteren Vorgängerbaus eine einschiffige Saalkirche errichtet wurde. Im 12. Jahrhundert folgte die Erweiterung zu einer dreischiffigen Basilika. Der Bau der heutigen gotischen Hallenkirche setzte im 13. Jahrhundert ein und fand seinen Abschluss zwischen 1430 und 1440. Nach den schweren Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs dauerten die Wiederherstellungsarbeiten bis etwa 1950 an.
Die Orgeltradition von St. Marien lässt sich bis ins frühe 16. Jahrhundert zurückverfolgen; bereits aus dieser Zeit sind Nachrichten über Organisten an der Kirche überliefert. Die erste nachweisbare Orgel „in Unser Leve Frowen kerck bynnen Ossenbrugge“, erbaut von den niederländischen Orgelbauern Cornelius und Michael Slegel, war Ende 1571 fertiggestellt; das Werk hatte 14 Register, verteilt auf zwei Manualwerke, und eine angehängte Pedalklaviatur.
Gegen Ende des Dreißigjährigen Kriegs erfuhr die Orgel zwischen 1640 und 1645 durch den Bielefelder Orgelbauer Hans Henrich Reinking eine umfassende Reparatur und Erweiterung, in deren Zuge die Orgel auch ein selbständiges Pedalwerk erhielt. Eine weitere Reparatur ist für die Jahre 1709/10 durch Christian Vater aus Hannover belegt. Die nun erstmals vollständig rekonstruierbare Disposition umfasste neun Register im Oberwerk und sechs im Brustpositiv; das Pedal war vermutlich mit drei Registern besetzt.
Am 25. August 1787 schloss die Kirchengemeinde mit dem Osnabrücker Orgelbauer Eberhard Berner einen Vertrag über den Bau einer neuen Orgel. Das mit einer Größe von 29 Registern geplante Werk sollte 2200 Thaler kosten und zum Pfingstfest 1790 fertiggestellt sein. Der Bau geriet jedoch ins Stocken und man trat mit Jakob Courtain in Kontakt, der aktuell mit dem Bau der neuen Orgel im benachbarten Dom befasst war und dafür großes Ansehen genoss. So brachten es der Marienorganist Melchior Bernhard Veltmann und der Kirchenrat fertig, dass Berner am 2. Juni 1792 vom Vertrag zurücktrat und nun Courtain wenige Tage später auch mit dem Bau der Marienorgel betraut wurde. Das Ende 1797 vollendete Instrument umfasste 42 Register auf vier Manualen und Pedal, wobei bereits von Berner gefertigte Teile integriert wurden. Im Jahr 1825 folgte eine Renovierung durch Heinrich Brinkmann, bei der die Orgel auch gleichschwebend gestimmt wurde; 1838 war Brinkmann erneut mit Reparaturarbeiten betraut.
Hinter dem historischen Prospekt der Courtain-Orgel errichteten die Gebrüder Rohlfing aus Osnabrück im Jahr 1904 ein neues pneumatisches Orgelwerk mit 55 Registern. Dieses Instrument wurde beim Bombenangriff vom 13. September 1944 vollständig zerstört. Nach Kriegsende stellte die Orgelbauwerkstatt Emanuel Kemper & Sohn (Lübeck) 1949/50 zunächst ein neues Instrument mit 25 Registern und elektropneumatischen Taschenladen auf, das 1952 um eine Chororgel mit acht Registern erweitert wurde. Die Kemper-Orgel hatte jedoch nur kurz Bestand und wurde 1967 durch das heutige Instrument ersetzt.
Diese große Orgel wurde von der niederländischen Orgelbaufirma D. A. Flentrop erbaut und gehört zu den bedeutendsten neobarocken Instrumenten Norddeutschlands. Konzipiert wurde sie ab 1961 von Dirk Andries Flentrop in enger Zusammenarbeit mit KMD Traugott Timme; ihre Einweihung fand im Juni 1967 statt. Mit der Beauftragung einer niederländischen Werkstatt knüpfte man bewusst an die früheste Orgeltradition der Marienkirche an, die bereits im 16. Jahrhundert durch die aus den Niederlanden stammende Familie Slegel geprägt worden war. Entstanden ist ein vom Brabanter Orgelbau beeinflusstes barockes Instrument mit klar gegliedertem Werkaufbau und durchgehend mechanischen Trakturen. Charakteristisch für den Klang sind die ausgeprägte Grundtönigkeit und Tragfähigkeit der Prinzipalstimmen sowie das ausgewogene Verhältnis von Grundstimmen, Aliquoten und Mixturen. Der schlanke, hochaufragende Prospekt fügt sich zugleich in eindrucksvoller Weise in den gotischen Kirchenraum ein.
1997/98 wurde die Orgel durch die Erbauerfirma behutsam überarbeitet. Durch eine Nachintonation fügen sich die Zungenstimmen und Haupt- und Pedalwerk nun grundtöniger in den Prinzipalchor ein. Außerdem wurden zwei Pedalkoppeln hinzugefügt, die ursprünglich – in bewusster Anlehnung an norddeutsch-barocke Vorbilder – nicht vorgesehen waren. Im Zuge einer Generalreinigung im Jahr 2013 wurde auch der Dulzian 16' des Pedals klanglich angepasst. Zudem erhielt die Orgel durch eine Spenderinitiative einen Zimbelstern als zusätzliches Register. Weitere Arbeiten an Mechanik und Klanggestalt folgten 2020, darunter eine Neuintonation der Flötenregister im Brustwerk, die nun klanglich den Qualitäten der entsprechenden Register in Rückpositiv und Oberwerk ebenbürtig sind.
Im klanglichen Spektrum der Osnabrücker Orgellandschaft bildet die Marienorgel mit ihrer klaren, barock geprägten Ausrichtung einen bewussten Gegenpol zu den vornehmlich französisch-romantisch disponierten Domorgeln. Gerade dieser Kontrast verleiht dem kirchenmusikalischen Leben in der Osnabrücker Innenstadt eine außergewöhnliche Vielfalt, die sich nicht zuletzt in den ökumenisch gestalteten Marktmusiken widerspiegelt, die abwechselnd im Dom und in St. Marien stattfinden.
I. RÜCKPOSITIV | C–g³
Prinzipal 8'
Hohlflöte 8'
Octave 4'
Rohrflöte 4'
Superoctave 2'
Flachflöte 2'
Quinte 1 1/3'
Sesquialtera 2f.
Scharff 3-4f.
Dulcian 16'
Krummhorn 8'
Tremulant
II. HAUPTWERK | C–g³
Praestant 16'
Prinzipal 8'
Octave 4'
Quinte 2 2/3'
Superoctave 2'
Mixtur 4-5f.
Trompete 16'
Trompete 8'
Koppel III-II
Koppel I-II
Hauptwerk ab
III. OBERWERK | C–g³
Quintatön 8'
Rohrflöte 8'
Prinzipal 4'
Spitzflöte 4'
Nasat 2 2/3'
Waldflöte 2'
Terz 1 3/5'
Mixtur 4f.
Trompete 8'
Tremulant
IV. BRUSTWERK (SW) | C–g³
Gedackt 8'
Gedacktflöte 4'
Prinzipal 2'
Sifflöte 1'
Zimbel 2f.
Regal 16'
Vox humana 8'
Tremulant
PEDAL | C–f¹
Pedal I
Subbaß 16'
Gedackt 8'
Rohrflöte 4'
Nachthorn 2'
Dulcian 16'
Trompete 4'
Pedal II
Prinzipal 16'
Octave 8'
Superoctave 4'
*Mixtur 6-7f.
*Posaune 16'
*Trompete 8'
Koppel III-P
Koppel II-P
Pedal I ab
Pedal II ab
Pedalkombination (mit * gekennzeichnete Register mit Drehzug an und ab); Zimbelstern.
Mechanische Schleiflade.
Quellen und Literatur: Franz Bösken, Musikgeschichte der Stadt Osnabrück, Regensburg 1937, S. 146–151 ⋄ Rudolf Reuter, Orgeln in Westfalen, Kassel u. a. 1965, S. 270 ⋄ MusikBüro St. Marien Osnabrück ⋄ Eigener Befund.
Nr. 493 | Diese Orgel habe ich zum ersten Mal am 05.07.2014 im Rahmen eines Gottesdienstes gespielt.
© Dr. Gabriel Isenberg | Letzte Änderung: 18.01.2026.
www.orgelsammlung.de
© Dr. Gabriel Isenberg, 2023/26
