Orgel: Fritz Klingenhegel (Münster), 1953.

Der Bau der dreischiffigen neugotischen Herz-Jesu-Kirche an der Wolbecker Straße in Münster erfolgte in zwei Bauabschnitten zwischen 1895 und 1900. Das für 1500 bis 1800 Sitzplätze ausgelegte Gotteshaus wurde nach Entwürfen des Münsteraner Architekten Wilhelm Rincklake errichtet. Nachdem die Kirche im Zweiten Weltkrieg durch Bombardierungen schwer beschädigt worden war, konnte sie 1951 wiederhergestellt werden. In den folgenden Jahrzehnten schlossen sich mehrere Umgestaltungen und Renovierungen an (1960, 1971, 1990er-Jahre). Heute bildet Herz Jesu gemeinsam mit der St.-Elisabeth-Kirche eine Pfarreiengemeinschaft.
Über viele Jahre musste die Kirche ohne Orgel auskommen; 1913 bildete sich ein Orgelkomitee, das Mittel für den Bau eines Instruments einwarb. Anlässlich des goldenen Priesterjubiläums von Pfarrer Franz Auling im Jahr 1925 erhielt die Kirche schließlich ihre erste Orgel. Das 56 Register große Instrument war ein Werk der Münsteraner Orgelbauanstalt Friedrich Fleiter; dem Erbauer war es eine besondere Freude, den Auftrag für seine Heimatpfarrkirche ausführen zu dürfen. Bei der Einweihung am 2. August 1925 spielte Pater Gregor Schwake aus Gerleve die Orgel und erläuterte die Besonderheiten des neuen Instruments.
Nach den Beschädigungen, die der Zweite Weltkrieg auch an der Herz-Jesu-Orgel hinterlassen hatte, bedurfte es eines neuen Instruments, das schließlich am 7. Juni 1953 eingeweiht werden konnte. Dabei handelte es sich um das Opus 25 der Firma „Münsterscher Orgelbau Fritz Klingenhegel“. Klingenhegel, der zuvor bei Fleiter als Werkführer gearbeitet hatte, hatte sich auf Betreiben des Münsteraner Organisten und Orgelsachverständigen Heinz Diekamp nach dem Krieg selbständig gemacht und konnte neben der Wiederherstellung kriegszerstörter Orgeln auch etliche Neubauten liefern, bevor sein Betrieb Ende der 1950er-Jahre von der Orgelbaufirma Kreienbrink (Osnabrück) aufgekauft wurde.
Heinz Diekamp war auch maßgeblich an der Konzeption der Herz-Jesu-Orgel, dem größten Werk aus der Werkstatt Klingenhegel, beteiligt gewesen. Das Positivwerk, ursprünglich als Rückpositiv in der Emporenbrüstung geplant, steht mittig in der Prospektfront und ist etwa einen Meter nach vorne gezogen. Es erhielt mehrere „aus barockem Geiste völlig neu entwickelte Register“, darunter Glitzernd Pfeif, „die in ihrer funkelnden Lebhaftigkeit unwillkürlich an die Putten eines von Lebenslust überfließenden Barockdekors denken lässt“. Dahinter befinden sich Schwellwerk und Hauptwerk. Das Schwellwerk war als „Farbenwerk“ konzipiert und verfügt über drei nach französischem Vorbild gebaute Zungenregister.
Im Rahmen der umfassenden Kirchenrenovierung zum 100-jährigen Kirchenjubiläum in den 1990er-Jahren erfuhr auch die Orgel eine Generalüberholung, die von der Orgelbauwerkstatt Fleiter (Münster) durchgeführt wurde. Dabei erhielt sie 1993 einen neuen Spieltisch mit elektronischer Setzeranlage; auch die Disposition wurde in einigen Punkten verändert. Gleichzeitig baute die Firma Fleiter eine elfregistrige Chororgel, von der aus Hauptwerk und Pedal der großen Orgel über Lichtwellenleitersystem mitgespielt werden können.
Der Spieltisch der großen Orgel steht auf der linken Seite der unteren Emporenstufe leicht schräg zur Orgel. Die Registerwippen sind links (Hauptwerk, Pedal) und rechts (Schwellwerk, Positiv) neben den Manualen angeordnet. Als Fußpistons stehen Koppeln, Sequenzer, Kombinationsschalter 1–8, Zungenabschalter sowie zwei Crescendos zur Verfügung. Über dem Schwellwerksmanual befinden sich die Digitalanzeigen für Kombinationen, Schweller und Crescendo.
I. HAUPTWERK | C–g³
Rohrpommer 16’
Prinzipal 8’
Spillpfeife 8’
Singend Gedackt 8’
Oktave 4’
Nachthorn 4’
Kleinoktave 2’
Kornett 3f.
Mixtur 6f.
Trompete 8’
III/I
II/I
II. POSITIV | C–g³
Gamba 8’
Quintade 8’
Rohrgedackt 8’
Prästant 4’
Koppelflöte 4’
Schwiegel 2’
Spitzquinte 1 1/3’
Glitzernd Pfeife 2f.
Sesquialter 3f.
Scharff 4f.
Trichterdulcian 8’
Tremulant
III/II
III. SCHWELLWERK | C–g³
Bordun 16’
Holzflöte 8’
Harfpfeife 8’
Voix coelestis 8’
Zartgedackt 8’
Weitoktave 4’
Rohrnasard 2 2/3’
Trichterpfeife 2’
Blockflötenterz 1 3/5’
Liebl. Prinzipal 1’
Kleinmixtur 4f.
Hellzimbel 3f.
Engtrompete 16’
Hornoboe 8’
Weittrompete 4’
Tremulant
PEDAL | C–f¹
Prinzipalbaß 16’
Subbaß 16’
Echobaß 16’
Oktavbaß 8’
Holzgedackt 8’
Choralbaß 4’
Hohlflöte 2’
Schweizerpfeife 1’
Rauschpfeife 6f.
Bombarde 32’
Posaune 16’
Feldtrompete 8’
Clairon 4’
I/Ped.
II/Ped.
III/Ped.
64fache elektronische Setzeranlage (4 Gruppen A-D mit je 8 Kombinationen 1-8, zusätzlich abschließbar) mit Sequenzern und Nulltaster; zwei Registercrescendi; Zungen ab; Digitalanzeigen für Setzeranlage, Crescendostand, Schwellerstand.
Elektropneumatische Kegellade.
Quellen und Literatur: Münsterischer Anzeiger 04.08.1925 ⋄ Münstersche Zeitung 06.06.1953 ⋄ Fleiter, Friedhelm (Hg.), Festschrift 125 Jahre Orgelbau Friedrich Fleiter,
Münster, 1997 ⋄ Eigener Befund.
Nr. 150 | Diese Orgel habe ich am 14.03.2002 besucht.
© Dr. Gabriel Isenberg | Letzte Änderung: 03.01.2026.
www.orgelsammlung.de
© Dr. Gabriel Isenberg, 2023/26
