Sögel

Kath. Pfarrkirche St. Jakobus

Orgel: George Jardine & Son (Manchester), 1886.

Nach Sögel übertragen und 2021/23 durch Markus Krawinkel (Trendelburg-Deisel) verändert dort aufgestellt.


© Gabriel Isenberg, 09.09.2023
© Gabriel Isenberg, 09.09.2023

In der alten, 1482 von dem Baumeister Wacker erbauten St.-Jakobus-Kirche in Sögel gab es bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts eine kleine Orgel, die im Dreißigjährigen Krieg beschädigt wurde. Nach 1661 sollte sie wiederhergestellt werden. 1680 erhielt die Kirche eine neue, aus Münster offenbar gebraucht angeschaffte Orgel mit acht Registern und angehängtem Pedal. 1701 wurde die Orgel auf einer neuen Orgelbühne aufgestellt; 1711 ist eine Reparatur durch Mauritz Hermann Böntrup (Vreden) nachgewiesen.

1712/13 schaffte man eine neue Orgel an, die der andernorts namentlich sonst nicht in Erscheinung getretene Nicolaus Stoffer für 300 Reichsthaler fertigte. Ab 1867 entstand nach Entwürfen des ortsansässigen Architekten Johann Bernhard Hensen der Neubau der neugotischen Pfarrkirche. Als die Kirche nahezu vollendet war, führte ein schwerer Orkan zum Einsturz des Turms, wodurch auch das Gewölbe des Mittelschiffs zerstört wurde. Infolgedessen konnte die Kirche erst 1871 (mit niedrigerer Turmspitze) vollendet werden. Zunächst fand die Orgel der Vorgängerkirche hier erneut Verwendung; sie wurde von J. B. Kröger & Söhne aus Goldenstedt in der neuen Kirche aufgestellt.

1887 erfolgte der Bau einer neuen, großen Orgel mit 21 Registern durch die Orgelbauanstalt C. Haupt & Sohn in Ostercappeln. Das Gehäuse entwarf Baurat Arnold Güldenpfennig aus Paderborn, der sich zunächst gegen ein Gehäuse ausgesprochen hatte und es als „reine Dekoration“ und für „völlig überflüssig“ erklärte. Nach langer Diskussion fand die Orgel ihren Platz nicht auf der eigentlich vom Architekten dafür vorgsehenen Empore an der linken Seite des Chorraums, sondern auf einer Westempore vor dem Turm. Die Abnahme der fertigen Orgel fand am 24. September 1887 durch Domorganist Eduard Brennecke aus Osnabrück statt.

1936 nahm Carl Haupt aus Osnabrück einen Umbau vor, bei dem die Orgel um rund zweieinhalb Meter zurückversetzt wurde, um Platz für den Chor zu schaffen. Außerdem baute Haupt einen neuen Spieltisch, über den die alten Schleifladen pneumatisch angesteuert werden sollten, was allerdings völlig misslang, sodass Domorganist Bäumer den Arbeiten die Abnahme verweigerte. Die in den folgenden Jahrzehnten sehr fehleranfällige Orgel wurde schließlich 1961 durch einen Neubau von der Fa. Matthias Kreienbrink (Osnabrück) ersetzt, die am 7. Januar 1962 eingeweiht wurde und über 32 Register auf drei Manualen und Pedal verfügte. Doch auch die Kreienbrink-Orgel zeigte sich nach rund zwei Jahrzehnten in einem schlechten Zustand. Anstelle eines Neubaus entschied man sich für einen Umbau, bei dem 1988 durch die Fa. Kreienbrink außer einer Instandsetzung und geringfügigen Dispositionsänderungen das gesamte Werk in den Turmraum versetzt und mit einem neuen Gehäuse (incl. Principal 16') versehen wurde, das dem neugotischen Baustil der Kirche entsprach. Doch auch in dieser Form zeigte die Orgel nach einigen Jahren erneut Funktionsprobleme, sodass man sich Mitte der 2010er-Jahre dafür entschied, das Instrument komplett zu ersetzen.

2017 ergab sich die Möglichkeit, über die Orgelbauwerkstatt Oliver Schulte (Kürten) eine gebrauchte Orgel aus England zu erwerben. Die Orgel war 1886 von der Orgelbauwerkstatt George Jardine & Son in Manchester für die anglikanische St John the Evangelist Church in Altrincham bei Manchester erbaut worden. Fast 50 Jahre lang (bis 1936) wirkte der Organist und Komponist William Henry Maxfield (1849–1936) an diesem Instrument, das er auch selbst mit plante. Pläne in den 1890er-Jahren, die Orgel mit Gasmotor zu betreiben, wurden aus Sicherheitsgründen wieder fallengelassen. 1901 erfolgte eine Renovierung durch Ernest Wadsworth (Manchester). Mit der Schließung der Kirche Anfang 2016 stand die Orgel zum Verkauf. Nach der Übertragung nach Deutschland begann 2019 der Aufbau in Sögel. Zahlreiche Unstimmigkeiten in der Zusammenarbeit mit der ausführenden Orgelbaufirma führten 2021 zur Übertragung der weiteren Arbeiten an die Orgelbauwerkstatt Markus Krawinkel in Trendelburg-Deisel. Die Bestandteile der Jardine-Orgel wurden komplett überarbeitet und hinter dem vorhandenen Kreienbrink-Prospekt von 1988 im Turmraum aufgestellt. Die Neuanordnung der Windladen machte eine elektrische Ansteuerung aller Werke erforderlich. Außerdem wurde die Disposition um weitere Register aus englischen Beständen erweitert; dazu zählt auch das Bombardwerk, das im Untergehäuse positioniert ist und in 16'-, 8'- und 4'-Lage an alle Manuale ankoppelbar und im Pedal einzeln registrierbar ist. Der neue, moderne Spieltisch, in den die Registerzüge und Werkbeschriftungen von Jardine integriert wurden, steht frei vor der Orgel. Die Weihe des Instruments erfolgte am 5. März 2023. Der zukünftige Bau eines Solowerks als Fernwerk auf der Empore neben dem Chorraum ist bereits vorbereitet (u. a. durch die Registerzüge im Spieltisch), das ebenfalls aus englischen Beständen bestehende Pfeifenwerk ist eingelagert.

Alte und neue Bestände fügen sich in beeindruckender Weise gut zueinander. Die charakteristischen Einzelstimmen sind zugleich sehr gut mischfähig und ergeben so einen warmen, wandlungsfährigen Klang, der trotz der klar erkennbaren „englischen Note“ eine große Palette an Musik überzeugend darstellbar macht.

I. GREAT | C–a³

Double Open Diap. 16' [1986]

Bourdon 16'

Open Diapason 8'

Principal 8'

Harmonic Flute 8'

Stop Diapason 8'

Principal 4'

Wald Flute 4'

Twelfth 2 2/3'

Fifteenth 2'

Mixture II rks [19.22]

Trumpet 8'

II–I

III–I

II–I octave

II–I suboctave

III–I octave

III–I suboctave

[Solo I]

Bombarde I

II. CHOIR | C–a³

Violin Diapason 8'

Rohr Flute 8'

Flauto Traverso 4'

Harmonic Piccolo 2'

Larigot 1 1/3' [2023]

Clarionet 8' [ab c°]

III–II

II–II octave

II–II suboctave

III–II octave

III–II suboctave

[Solo II]

Bombarde II

 

 

III. SWELL | C–a³

Lieblich Bourdon 16'

Open Diapason 8'

Lieblich Gedact 8'

Salicional 8'

Voix Celestes 8' [ab c°]

Principal 4' [2023]

Gemshorn 4'

Nazard 2 2/3' [2023]

Fifteenth 2'

Tierce 1 3/5' [2023]

Mixture III rks [17.19.22]

Cornopean 8'

Oboe 8'

Tremulant

III–III octave

III–III suboctave

[Solo III]

Bombarde III

PEDALS | C–f¹

Harmonic Bass 32' [akust.]

Open Diapason 16'

Principal Bass 16' [aus I]

Bourdon 16'

Principal 8' [Ext.]

Bass Flute 8' [Ext.]

Fifteenth 4' [2023]

Trombone 16' [aus Bomb.]

Tromba 8 ' [aus Bomb.]

Clarion 4' [aus Bomb.]

I–P

II–P

III–P

[Solo P]


BOMBARDE [ C–a³

[Extensionen aus einer Pfeifenreihe]

Contra Trombone 16'

Trombone 8'

Clarion 4'

Setzeranlage mit Registerfessel, Crescendo und MIDI.

Schleiflade mit elektrischer Steuerung.


Quellen und Literatur: Winfried Schlepphorst, Der Orgelbau im westlichen Niedersachsen, Kassel u. a. 1975, S. 206 f ⋄ Sue Nichols, Guide to the Features of St John the Evangelist, Altrincham, 2016, S. [17] ⋄ Die englische Orgel in St. Jakobus Sögel [Festschrift zur Orgelweihe am 5. März 2023], darin auch „Zur Geschichte der Orgeln in der Jakobuskirche“ von Jörg Christian Freese ⋄ Eigener Befund.

 

Nr. 653 | Diese Orgel habe ich am 09.09.2023 besucht.

© Dr. Gabriel Isenberg | Letzte Änderung: 10.09.2023.