Wilhering

Stiftskirche Mariä Himmelfahrt

Große Orgel

Orgel: Leopold Breinbauer (Ottensheim), 1884.

Gehäuse: Johann Ignaz Egedacher (Passau), 1741.


© Gabriel Isenberg, 28.05.2026
© Gabriel Isenberg, 28.05.2026

Das Zisterzienserstift Wilhering, idyllisch an der Donau westlich von Linz in Oberösterreich gelegen, blickt auf eine Gründungsgeschichte zurück, die bis ins Jahr 1146 reicht, als die Brüder Ulrich und Cholo von Wilhering einen Teil ihres väterlichen Erbes für die Errichtung eines Klosters bestimmten, das nach Ulrichs Tod dem Zisterzienserorden übergeben und von Mönchen aus dem steirischen Stift Rein besiedelt wurde. Die heutige Klosterkirche, die nach einer verheerenden Brandkatastrophe von 1733 auf dem Grundriss des Vorgänger­baus neu errichtet wurde, gilt heute als wichtigster Rokoko-Sakralbau Öster­reichs. Ihre Vollendung erfolgte bis 1751 unter maßgeblicher Beteiligung des Linzer Baumeisters Johann Haslinger, wobei die üppige Stuckdekoration Augsburger Meister verantworteten. Schon zuvor hatte die Klosterkommuni­tät für musikalische Grundausstattung gesorgt: Im Zuge der Instandsetzung der zuvor verwahrlosten Kirche war 1620 auf der neu eingebauten Westempore eine Orgel mit zwei Manualen und zwanzig Registern aufgestellt worden, als deren Erbauer der Mönch Paul Peuerl gilt. Dieses Instrument fiel dem Brand von 1733 zum Opfer.

Inmitten des prächtig ausgestatteten Rokoko-Kirchenraums erhebt sich auf der Westempore ein barockes Orgelgehäuse, dessen gestalterische Einbindung in die Raumkomposition in Fülle und Farbigkeit ihresgleichen sucht. Das Gehäuse dieser Hauptorgel mit seinem erhaltenen Prospekt geht auf die frühen 1740er Jahre zurück und wurde unter Abt Johann Baptist IV. Hinterhölzl OCist errichtet; die neuesten Befunde aus der jüngsten Restaurierung weisen auf den Passauer Meister Johann Ignaz Egedacher (1675–1744) als Erbauer des Instruments hin – er hatte die Orgel 1741 fertiggestellt. Einer späteren Beschreibung des Orgelbauers Matthäus Höfer aus dem Jahr 1844 zufolge besaß das Instrument damals 26 Register, verteilt auf Haupt- und Pedalwerk sowie ein Brüstungspositiv; Höfer führte nachweislich mehrere Reparaturen durch. Unter den bedeutenden Stiftsorganisten des 18. Jahrhunderts sind Simon Anton Weiss und Franz Xaver Weinwurm zu nennen, im 19. Jahrhundert der Kirchenkomponist Matthias Pernsteiner sowie Adolf Festl und Matthäus Obermüller.
Als Abt Alois Dorfer OCist im Jahr 1883 beschloss, dem Stift eine neue, groß dimensionierte Hauptorgel zu geben, wandte er sich an den jungen Leopold Breinbauer (1859–1920) aus dem benachbarten Ottensheim. Breinbauer, der – nach Anfängen in der väterlichen Werkstatt – mutmaßlich Lehrjahre bei Friedrich Ladegast in Weißenfels absolviert hatte, stand damit gleich zu Beginn seiner selbständigen Laufbahn vor einer außergewöhnlichen Aufgabe: das neue Instrument in das vergleichsweise kleine historische Orgelgehäuse einzupassen. Er löste dieses Problem, indem er über dem eigentlichen Hauptwerk eine neue Etage konstruierte, auf der Register aus den höheren Tonlagen Platz fanden, was freilich eine komplex verzweigte Traktur erforderlich machte. Das Brüstungspositiv blieb als optisches Element des Prospekts erhalten, ohne klingende Register zu enthalten.

Das neue Instrument sollte ursprünglich zum 50. Priesterjubiläum des Abts im August 1884 fertiggestellt sein; die Fertigstellung verzögerte sich um einige Monate, und das feierliche Eröffnungskonzert fand schließlich am 11. Dezember 1884 statt, mit dem Linzer Domorganisten Karl Waldeck und dem Stiftsorganisten Franz Pressl als Solisten, unter den Gästen Prinz Ferdinand I. von Sachsen-Coburg, dem späteren Zar von Bulgarien. Waldeck, der gemeinsam mit dem Musiklehrer Friedrich Arnleitner an der künstlerischen Konzeption des Instruments wesentlichen Anteil gehabt hatte, steuerte eine eigene Komposition für zwei Orgeln bei.

Die neue Orgel besaß 30 Register auf Haupt- und Unterwerk sowie Pedal und verwendete bereits das System der mechanischen Kegellade; als besonderes Novum boten fünf pneumatische Kollektiv-Registerzüge eine damals zukunftsweisende Bedienungserleichterung. Breinbauers Klangsprache, die sinfonische Grundtönigkeit mit Elementen barocker Helligkeit verband, spiegelt sich in der vergleichsweise hohen Stimmtonhöhe wider, die er bewusst von der » Chororgel übernahm, um im Sinne einer ideellen Einheit beider Instrumente dem einzigartigen akustischen Raumklang der Stiftskirche zu entsprechen. Etliche Register aus dem Pedalwerk der Egedacher-Orgel verwendete er weiter und intonierte sie nach seinen eigenen Vorstellungen. Anton Bruckner, der dem Stift bei mehreren Sommeraufenthalten verbunden war, spielte an beiden Orgeln.
Im späten 20. Jahrhundert griff man erheblich in das Instrument ein: Zwischen 1976 und 1981 erweiterte die Oberösterreichische Orgelbauanstalt in St. Florian die Orgel um ein drittes Manual und sieben neue Register, versetzte den Spieltisch und nahm die Kollektivzüge heraus, um das Brüstungspositiv wieder zum Klingen zu bringen; die Neuintonation war dabei von neobarocken Klangvorstellungen der Zeit geleitet, was den romantischen Charakter des Instruments deutlich veränderte.

2018 schloss die Schweizer Orgelbau Kuhn AG eine grundlegende Restaurierung ab, die auf die weitgehende Rückführung in den Breinbauer-Originalzustand von 1884 abzielte. Dabei wurden mehrere im 20. Jahrhundert ersetzte oder klanglich veränderte Register auf Basis erhaltener Mensuren und nach Vorbildern anderer Breinbauer-Orgeln in Oberösterreich und Südböhmen rekonstruiert, darunter Flauto dolce 8', Filomele 8', Dolcissimo 8', Mixtur 4f. im Unterwerk sowie eine Bombarde 16' im Pedal mit durchschlagenden Zungen; das Register Geigenprincipal 8' konnte aus dem Pfeifenbestand einer abgetragenen Breinbauer-Orgel im Mühlviertel ergänzt werden. Die Kollektivzüge wurden wiederhergestellt, die Registerschilder nach historischen Vorbildern gestaltet, und die Trompete 8' fand auf zwei eigenen Windladen im Turmbogen außerhalb des Gehäuses ihren neuen Platz. Das Ergebnis ist eine der bedeutendsten romantischen Orgeln Österreichs, das erstrangige Frühwerk eines Meisters, der die oberösterreichische Orgellandschaft des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts wie kein anderer prägte.

I. HAUPTWERK | C–f³

Bourdun 16'
Principal 8'
Gemshorn 8'
Gamba 8'
Flauto dolce 8'
Gedact 8'
Quintatön 8'
Octave 4'
Flöte 4'
Violine 4'
Rauschquinte 2f.
Cornett 4f.
Mixtur 5f.
Trompete 8'

Man:Copp. II–I

Man:Copp. III–I
Cymbelstern I.M.

II. UNTERWERK | C–f³

Geig. Princ. 8'
Salicional 8'
Philomele 8'
Liebl. Gedact 8'
Dolcissimo 8'
Principal 4'
Zartflöte 4'
Waldflöte 2'
Mixtur 4f.

III. BRÜSTUNGSPOSITIV | C–f³

Gedackt 8'
Quintade 8'
Oboe 8'
Principal 4'
Rohrflöte 4'
Sesquialter 2f.
Octave 2'
Spitzflöte 1'
Tremulant
Cymbelstern III.M. 

PEDAL | C–d¹

Violon 16'
Principalbaß 16'
Subbaß 16'
Bombard 16'
Principalbaß 8'
Cello 8'
Quintbaß 5 1/3'

Octavbaß 4'

Ped:Copp. I.M.

Ped:Copp. II.M.

Ped:Copp. III.M.


Feste Kombinationen: P, MF, F, FF, Po [= Pleno], 0

Mechanische Kegellade (Positiv: Schleiflade).


Quellen und Literatur: Ikarus Kaiser, Zur Restaurierung der beiden Orgeln in der Stiftskirche Wilhering, in: Ars Organi 69 (2021), S. 17-23 ⋄ Eigener Befund.

Nr. 714 | Diese Orgel habe ich am 28.05.2026 im Rahmen der VOD-Tagung in Linz besucht.
© Dr. Gabriel Isenberg | Letzte Änderung: 02.06.2026.